MensTennisForums.com - View Single Post - Boris Becker's Biography

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Old 11-12-2003, 07:52 AM   #12
DiNaPic
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Die große Boris-Becker-Serie, Teil 9

Wie mir meine Söhne aus der Krise halfen

Von BORIS BECKER

Elias hat sich an meinen rechten Arm gekuschelt. Sein blonder Wuschelkopf liegt an meiner Schulter, die großen blauen Augen sind hellwach. Die schwere weiße Kinderbibel fällt mir fast aus der Hand. „Papa, weiterlesen“, fordert Elias.

Noah legt sich an meine linke Seite, den Kopf ganz dicht an meinem. Seine braunen Locken kitzeln mein Ohr. „...das Heer der Ägypter ist verunsichert, der Pharao gibt trotzdem den Befehl zum Angriff. Doch als die Ägypter in der Mitte des Meeres angekommen sind, hört der Sturm auf und die Wassermassen verschlingen die Verfolger...“
Es ist mucksmäuschenstill im Raum. Ich kann mich keinen Millimeter bewegen, so belagert bin ich. Aus den Augenwinkeln sehe ich: Elias und Noah schlafen.
Plötzlich laufen mir ein paar Tränen über das Gesicht, aus dem Nichts. Ich kann diesen Ausbruch nicht kontrollieren. Erst spüre ich Trauer und Freude zugleich, könnte laut lachen, aber auch laut heulen. Dann durchströmt mich ein Glücksgefühl. Was ist das? Was ist los mit mir?
Es müssen Stunden vergangen sein, aber draußen ist es noch dunkel. Über der Kinderbibel waren wir alle eingeschlafen.
Jetzt liegen sie ruhig und zufrieden in meinen Armen, meine beiden Löwen. Mein ganzes Glück.
Noah hat die Züge von Barbara, auch die Feingliedrigkeit. Er hat ihre Hautfarbe, ihr Temperament, aber meinen Blick. Natürlich war er das absolute Wunschkind. Der Traum eines jeden jungen Vaters: das erste Kind, ein Sohn!


Boris Becker und sein „Löwe“ Noah (9): „Er ist feingliedrig wie Barbara, hat meinen Blick“, schwärmt der Vater von seinem Sohn


Ich war bei der Geburt von beiden dabei. Elias habe ich sogar mit auf die Welt gebracht. Barbara hatte nicht mehr genug Kraft, deshalb bat mich der Arzt mitzuhelfen.
Elias habe ich regelrecht auf diese Welt gezogen. Er ist mir genauso lieb wie Noah, aber die beiden sind grundverschieden, schon äußerlich. Elias ist hellhäutig, hat blonde Locken und blaue Augen, kommt also eher nach dem Papa.
Zwar ist er erst vier, Noah ist fünf Jahre älter, aber Elias steht schon jetzt mitten in seinem kleinen Leben. Er ist der Fels in der Brandung, hat einen ganz eigenen Kopf, vielleicht weil wir selbstverständlicher mit ihm umgegangen sind. Beim zweiten Kind stellt sich eine gewisse Routine ein, da bricht nicht gleich Panik aus, wenn ein neuer Zahn kommt. Außerdem hat Elias den Großteil seines Lebens in Miami verbracht, abseits vom Lärm der Öffentlichkeit und den Scheinwerfern der Medien-Welt. Er hatte von Anfang an mehr Erde, mehr Bodenhaftung.
Noah ist mitten ins Glamour-Leben eines Tennis-Stars geboren worden: Jede Woche eine andere Hotelsuite, Kindermädchen, Bodyguards, Limousine und Lear-Jet. Er ist mit goldenen Löffeln groß geworden. Auf der einen Seite ungeheuer liebevoll behütet, auf der anderen Seite extrem verhätschelt. Trotzdem ist er heute sehr ehrgeizig – in der Schule, im Sport, im Leben. Er will alles wissen, will alles besser machen. Er möchte etwas beweisen, sich, mir und den anderen. Wenn wir zusammen Fußball oder Tennis spielen, rastet er aus, wenn es nicht so läuft, wie er will. Er verliert dann völlig die Kontrolle. Ich war als Kind genauso: Ich habe ins Netz gebissen, den Schläger zerhackt. Verlieren war unmöglich.

Elias ist da emotionsloser. Er macht sein Ding, ist viel ruhiger, klarer und einfacher. Was er nicht will, das will er nicht. Für die Jungs war der Umzug nach Miami ein Glücksfall: Vor allem Noah musste lernen, seine eigenen Probleme zu lösen – in der Schule, mit den Kumpels, aber auch mit uns, seinen Eltern.
Es gibt kaum mehr bezahlte Helfer. Kein Hoteldiener trägt heute das Spielzeug hinterher, kein Lehrer übt Nachsicht, weil der Vater ein Tennis-Turnier gewonnen hat. Aber Noah beißt sich durch. Er hat sich in Miami gehäutet, er hat seine Scheu abgelegt. Vor ein paar Jahren, als er merkte, dass es bei uns kriselte, hat er intuitiv die Rolle des Schlichters übernommen. Er hat mir gegenüber Barbara gelobt: „Das hat die Mama aber gut gemacht“, und Barbara versichert: „Der Papa liebt dich.“ Er spürte, dass wir auseinander drifteten, hat versucht, um unsere Beziehung zu kämpfen. Heute ist er eher ein Schlitzohr: Er schaut auf sich, weiß seinen Charme einzusetzen. Wir können uns Wochen nicht gesehen oder wenig gesprochen haben, trotzdem sind wir zutiefst vertraut miteinander. Wir haben das gleiche Gefühl für Dinge, Momente und Menschen.

Trotz der Scheidung haben es Barbara und ich geschafft, als Familie weiterzuleben. Hierfür bin ich Barbara sehr dankbar. Sie macht einen großartigen Job als Mutter, ich versuche mein Bestes als Vater. Unsere Kinder haben schon sehr früh eine große Dosis Leben mitbekommen. Sie werden nicht erst mit achtzehn feststellen, wie brutal es da draußen sein kann, aber sie haben ein Elternhaus, das ihnen viel Liebe, viel Freiheit und alle Chancen bietet. Auch wenn Barbara und ich nicht mehr als Mann und Frau zusammenleben, so verstehen wir uns doch als Vater und Mutter.
Ein Wunder, dass alles so gekommen ist?
Sicher, ich war jahrelang verwirrt, auf dem falschen Weg, bin falschen Zielen hinterhergelaufen. Plötzlich wurden Ruhm und Reichtum zur Priorität meines Lebens, ich war fremdbestimmt und auf dem besten Weg, mich zu verlieren. Auch deshalb habe ich die Trennung provoziert, die schöne Scheinwelt zerschlagen.
Ich habe einen exzessiven Drang, an Grenzen zu gehen. Auf der Suche nach dem Weg zurück zu mir selbst habe ich einige Grenzen überschritten: Ich wollte wieder Leben in mir spüren. Und Leben heißt für mich, Schmerzen zu ertragen und Freude zu spüren. Nur dann fühle ich mich wahrhaftig.
Die letzten zweieinhalb Jahre waren sicherlich die schwerste Zeit meines Lebens, doch sie haben mich geheilt. Der Kampf um mein Leben und meine Seele hat mich endlich wieder zu einem Punkt gebracht, an dem ich den Mut habe, ehrlich zu mir zu sein. Schluss mit dem Selbstbetrug, Schluss mit der Heuchelei.
Ich habe viele Fehler gemacht und gehofft, dass es gut geht. Ich habe gehofft, dass der Staat meine sportlichen Erfolge und gesellschaftlichen Engagements als Dienst für Deutschland anerkennt und mich deshalb nicht als Steuersünder anklagt. Ich habe gehofft, dass die Trennung von meiner Frau unsere Ehe rettet und nicht zerstört. Und ich habe gehofft, dass ein unbedachter Seitensprung in einer extremen Lebenssituation keine Konsequenzen nach sich zieht. Die Realität aber ließ keinen Raum für solche Hoffnungen.

Diese Erfahrungen haben mir das letzte Stückchen Naivität genommen. An meiner Liebe zu Deutschland, zu diesem Land und zu den Menschen, hat sich nichts geändert, aber die Art und Weise, wie Institutionen und die Gesellschaft mich vor allem hier behandelt haben, hat meinen Glauben an das Gute im Menschen erschüttert.
Ich bin fest davon überzeugt, dass man allein geboren wird und auch alleine stirbt. Ich habe meine Familie, echte Freunde, gute Partner und Helfer, aber am Ende war ich vor Gericht genauso allein wie einst auf dem Centre Court. Das musste ich einfach wieder begreifen lernen.
Deshalb ist es keinesfalls paradox, wenn ich sage: Die Schläge und Schmerzen der letzten Jahre haben mir gut getan. Sie haben in mir den längst verschütteten Instinkt wieder geweckt, der mich einst zum besten Tennisspieler der Welt gemacht hat: den Killerinstinkt. Keine Angst, ich werde niemanden umbringen, aber ich werde wieder mit allen Mitteln auf Sieg spielen. Denn ich habe wieder angefangen, um mein Glück zu kämpfen.

Ende


Augenblick, verweile doch...“, Verlag C. Bertelsmann, 320 Seiten, 21,90 Euro, ist ebenso wie das Hörbuch ab 10. November im Buchhandel
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