MensTennisForums.com - View Single Post - Boris Becker's Biography

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Old 11-11-2003, 07:33 AM   #11
DiNaPic
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Die große Boris-Becker-Serie, Teil 8

Das Match, das mich zum Helden machte

Von BORIS BECKER

Am Vorabend des Finales essen wir im „Ponte Vecchio“, einem italienischen Restaurant an der Old Brompton Road, ein paar hundert Meter vom Spielerhotel, dem Gloucester, entfernt. Wie immer das gleiche Ritual: Tiriac bestellt, was ich bestelle. Wenn ich nichts will, verzichtet Bosch ebenfalls. Spaghetti für mich, Spaghetti für alle. „Wenn man uns nicht kennen würde“, meint Ion, „könnte man uns für Schwule halten.“

Ich war nicht nervös, sondern hochgestimmt: Endspiel, Centre Court, und ich erstmals als Hauptdarsteller auf einer Weltbühne.
Ich hatte eine ruhige Nacht, nur geträumt habe ich – vom Finale. Wie bei einer Sportübertragung im Fernsehen liefen die Bilder vor mir ab, einschließlich der Siegerehrung. Ich hielt den Pokal – und dann? Der Wecker geht. Halb zehn, die Wirklichkeit.

Hurra, gewonnen! Boris Becker jubelt nach seinem ersten Wimbledon-Sieg

Im Umkleideraum sitzt mein Gegner Kevin Curren bereits auf einer der Bänke: „Hi.“ Kein weiteres Wort. Weder zu ihm noch später zu einem anderen meiner Finalgegner.
Ivan Lendl war unerträglich, er redete und quasselte sich die Nervosität aus dem Leib und erzählte Witze, über die nur er lachen konnte. John McEnroe schlug die Unruhe wohl auf die Blase, er marschierte vor den Spielen unentwegt aufs Klo.
Ich habe Scheuklappen auf, wie man so sagt, sitze da wie ein Zombie. Das ist meine Art, mit dem Druck fertig zu werden, mich zu konzentrieren. Alles andere interessiert mich nicht. Ich muss mich in diesen Zustand bringen, mich total abkapseln.
Ich bin dann wie in einem Tunnel und habe auch diesen Tunnelblick. Eine Ausnahme habe ich mit Michael Stich gemacht, meinem Landsmann.
Das Ergebnis kennen wir: Ich habe geredet, er hat gesiegt.
Wieder ein Blick auf die Uhr. Ein paar Schmetterlinge machen sich bemerkbar, tief im Bauch. Ich knabbere an einem Sandwich. Das Kribbeln nimmt zu. Gott sei Dank habe ich bisher nicht viel Zeit zum Nachdenken gehabt!
Der „Locker-room“-Steward, ein untersetzter Mann in weißem Kittel, nimmt meine Tasche, die fast größer ist als er. Sieben Puma-Schläger sind drin, in Plastikhüllen verpackt, Bespannungsdruck 29–27, 30–28, Schweißbänder, Hemden, aber keine Bananen. Die kommen erst bei späteren Turnieren dazu. Auch kein Talisman.
Ich bin nicht abergläubisch, hatte aber meine festen Rituale, an die ich glaubte, denen ich vertraute.
Was wurde alles hineininterpretiert in meine offenen Schnürsenkel, wenn ich den Platz betrat! Becker demonstriert Gelassenheit. Becker hat bei seinem ersten Match überhaupt vergessen, die Schuhe zuzubinden. Seitdem ist er abergläubisch. Dabei war dieses simple Ritual für mich Mittel zum Zweck.
Ich musste immer zuerst ein geistiges und körperliches Gefühl für den Platz, das Stadion, die Zuschauer aufbauen, mich mit der Atmosphäre in Übereinstimmung bringen, den Raum atmen. Da bin ich eben mit offenen Schuhen auf den Platz gegangen, damit ich beim Binden auf der Bank ein paar Sekunden Zeit hatte, das Drumherum aufzunehmen.
Wir warten unterhalb der königlichen Ehrenloge auf das Einsatzzeichen.
Der Steward informiert uns: Die Royals sind anwesend, bitte nach dem Betreten des Platzes die Verbeugung nicht vergessen! Die ersten Schritte auf dem Centre Court sind beinahe spielentscheidend. Damals bin ich instinktiv selbstbewusst aufgetreten, geradezu unerschrocken. Später hat mir mein Verstand immer gesagt: Du musst als Erster auf den Centre Court, erhobener Kopf, Brust raus.
Angst spüre ich keine. Ich fühle mich eher wie ein Rennpferd in der Startmaschine. Ich bin so sehr bei dem Spiel, das noch lange nicht begonnen hat, dass ich gar nicht mehr nach hinten oder vorne schaue.

Die Zuschauer verschwinden jetzt aus meinem Bewusstsein, obwohl ich die Atmosphäre noch spüre. Die Namen der Finalisten werden genannt.
Für wen klatscht das Publikum mehr? Das ist ein Barometer, ganz wichtig, vor allem für mein Selbstbewusstsein – wie der erste Beifall für den Theaterschauspieler. Die ersten Worte des Darstellers sind bei uns die ersten Aufschläge. Schiedsrichter David Howie notiert in klarer Schrift auf dem „scoring sheet“: „Warm up: 2.04. Play: 2.09.“
Die Sonne scheint auf den Centre Court, auf den nach den Plänen der Architekten im Sommer bis neunzehn Uhr abends kein Schatten fallen darf.
Das Thermometer in London steigt an diesem Tag auf achtundzwanzig Grad. Ich berühre die Linie mit meinem Schläger – auch eines meiner Rituale.
Kevin Curren, der Mann auf der anderen Seite, ist siebenundzwanzig Jahre alt und gebürtiger Südafrikaner. Er hat John McEnroe und Jimmy Connors aus dem Turnier geworfen, die Nummern eins und drei der gesetzten Liste. Curren scheint mir nervöser als ich. Meine Aufschläge kommen toll, meine Leute auf der Tribüne nicken zufrieden. Nach fünfunddreißig Minuten steht es 6:3 für mich. Es ist einer von möglichen fünf Sätzen – die erste Etappe zum Mount Everest von Wimbledon. Im Tiebreak des zweiten Satzes führe ich bereits 4:2, doch Curren siegt mit 7:4. Ein kleiner Nackenschlag.
Plötzlich werde ich unsicher. Die Hitze setzt mir zu. Nur jetzt nicht nachdenken über den verlorenen Satz! Curren wird stärker. Ich bringe meine Aufschlagspiele nur noch schwer durch, er bekommt Oberwasser. Ich werde wütend, beginne zu schreien und mit dem Schläger zu schmeißen – genau das, was ich keinesfalls tun sollte.
Ich rede mit mir selbst. Ich beleidige mich: „Warum lässt du das zu, Dummkopf, Schwächling, Vollidiot!“, um nur ein paar Kraftausdrücke zu nennen. Aber es hilft. Die Wut auf mich selbst setzt neue Energien frei. Das beleidigte Ich reagiert.
7:6 im dritten Satz für mich. Erstmals werde ich sicherer, der Gipfel kommt in Sicht. In der Königsloge sitzen ein Feldmarschall und Juan Antonio Samaranch, der Chef des Internationalen Olympischen Komitees.
Prinzen, Grafen und andere Hoheiten klatschen in die Hände, sobald der Herzog und die Herzogin von Kent in der ersten Reihe Begeisterung erkennen lassen. In der fünften Reihe hat das Protokoll Fred Perry platziert; er hat Wimbledon erstmals im Jahr 1934 gewonnen und im Finale 1936 Gottfried von Cramm besiegt, in einem der kürzesten Finale der Geschichte – vierzig Minuten. Ich sehe weder Perry noch Prinzen, ich stehe im letzten Satz und kurz vor dem Sieg. Matchball Becker.
Die 13 118 Zuschauer verbinden sich in einem kollektiven Aufschrei. Der erste Matchball ist vergeben. Mein Vater lässt seinen kleinen Photoapparat sinken. Meine Mutter schließt die Augen, wie später daheim vor dem Fernseher bei manchen meiner Spiele. Ich höre nichts mehr, zumindest nehme ich keine Stimmen wahr. Auch nicht die Rufe von denen, die von oben herunter „Boris“ schreien.
Aufschlag. Zehntausend Mal geübt. Er sitzt. Ein Schlag, der meine Welt verändern wird.
Ich wusste: Die Wimbledon-Sieger werden am Abend beim Champions-Dinner zum Ehrentanz antreten, und natürlich würde es Walzer geben. Martina Navratilova und Boris Becker: „Darf ich bitten, Frau Kollegin?“ Lieber Himmel! Ich würde Martina auf die Lackschuhe treten und so ihre Abneigung gegen Männer noch verstärken. Meine vorausschauende Mutter hatte gemeinsam mit Ion am Tag vor dem Finale vorgesorgt und mir flugs ein paar Walzerschritte beigebracht. Ion lieh für mich einen Smoking aus.
Vor dem Champions-Dinner jedenfalls hatte ich mehr Bammel als vor dem Finale. Dann kam die Erlösung: Es würde keinen Walzer mit Martina geben, diese Ehrenrunde war vor Jahren abgeschafft worden. Im Gloucester Hotel habe ich mir dann den Fernseher vorgenommen. Auf allen Kanälen die Meldung: Becker, Becker, das deutsche Wunderkind. Ich musste erst mal begreifen, dass die mich meinten.
Am Morgen danach übernahm Tiriac das Kommando. „Hinter jeden Werbevertrag“, frohlockte er, „können wir jetzt eine Null hängen.
Das Vermarkten begann, und ich ahnte noch nicht, auf welchen Pfad ich da geraten sollte.

Lesen Sie morgen: Boris Becker erklärt, warum seine Kinder das Wichtigste in seinem Leben sind
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