MensTennisForums.com - View Single Post - Boris Becker's Biography

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Old 11-08-2003, 10:53 AM   #9
DiNaPic
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Die große Boris-Becker-Serie, Teil 6
So begann meine große Liebe zu Barbara

Von BORIS BECKER

Sie hat schon die Lockenwickler drin, am nächsten Morgen muss sie mit dem Zug zur Modenschau nach Salzburg. Aber ihre Freundin Sophie überredet sie, sich wieder anzuziehen – allein will sie nicht auf die Einladung in das „Café Reitschule“ in München-Schwabing. Zufällig bin ich auch dort. Ich beobachte sie, sie isst und spricht kein Wort.

Bei der ersten Gelegenheit setze ich mich neben sie, nippe ungefragt an ihrem Bierglas, sehe ihr in die Augen und sage: „Eigentlich müssen wir jetzt nicht mehr reden – es ist alles klar.“ Einen so blöden Spruch, antwortet sie, habe sie noch nie gehört. Es ist der 1. Oktober 1991.

Sie ist schön und schwarz – Barbara Feltus. Die Freunde gehen, wir wollen bleiben. „Gehen wir zu mir oder zu dir?“ Zu ihr wäre mir lieber, denn ich wohne im Hotel Raphael. „Noch so ein blöder Spruch“, antwortet sie. Dabei habe ich nichts Verwerfliches im Sinn. Ich will nur nicht mit ihr auf irgendeiner Klatschseite landen. An eine Beziehung denke ich gar nicht im Moment. Auch wenn ich auf der Suche nach Privatleben bin. Sie will in die Bar „Schumann’s“ – auf neutrales Territorium, wie sie das nennt. Ich trinke Orangensaft, sie Whisky. Ihr Zug fährt um sechs Uhr, mein Abflug nach Tokio ist einige Stunden später. Menschen begegnen uns, auf dem Weg zur Frühschicht irgendwo.

Vor Barbaras Wohnungstür biete ich ihr an: „Ich komm mit rauf und helf dir beim Packen.“ – „Ich weiß, wie dieses Packen aussieht.“

Ich bitte sie um ihre Telefonnummer. Sie soll sie zweimal aufschreiben, ich will sie nicht verlieren. Waldemar Kliesing, mein Physiotherapeut, sitzt in der Maschine nach Tokio neben mir. „Waldemar“, sage ich, „ich fürchte, vor einigen Stunden habe ich meine künftige Ehefrau getroffen.“ „Du spinnst“, meint er.

Aus Tokio rief ich sie jeden Abend an und erzählte ihr Geschichten, beispielsweise, mit welcher Frau ich in der Nacht in der Disco war – völlig bescheuert. In Wahrheit hockte ich vor dem Fernseher und träumte von ihr. „Deine Märchen“, hörte ich durchs Telefon, „kannst du dir sparen und die Telefonkosten auch.“ Punkt.

Leute, die eine Chance bei mir haben wollen, müssen hart diskutieren und mich von meinem Unrecht überzeugen können, oder sie müssen „nein“ sagen können – so wie Barbara damals.

Zwischen den Turnieren in Tokio und Stockholm sah ich sie in München wieder. Zu unserer zweiten Verabredung kam sie geschlagene neunzig Minuten zu spät. Ich wartete – sie war die Frau, die ich haben wollte. Aber Zärtlichkeiten hat es in jenen Tagen nicht gegeben. Ich siegte in Stockholm und war verzweifelt: Barbara war in München und ich allein in dieser Stadt, einsam am Wasser mit Regen und Nebel. Sie arbeitete in den folgenden Tagen in Frankfurt, wieder eine Modenschau.

Sie wohnte in einer Pension, teilte ihr Zimmer mit einem anderen Model – also kein Ort, um sich näher zu kommen. Wir beschlossen, nach Wiesbaden zu fahren, dort war am folgenden Tag eine zweite Modenschau.

Auf der Autobahn verlor ich dann die Geduld – Blinker raus, rechts ran – und küsste sie das erste Mal, an einem Tag im November. Im Autoradio lief „Black Cat“ von Janet Jackson. Barbara, die selbst Sängerin ist, erinnert sich bis heute an die Melodie.

Vor dem Penta-Hotel in Wiesbaden steigt Barbara aus, geht zum Empfang und reserviert ein Doppelzimmer für Harry Hartel und Frau Sabine – oder war es Susi? Wir checken ein. Ich verstecke dabei meine Schläger unter dem Mantel, im Auto kann ich mein Handwerkszeug nicht lassen. Sonnenbrille auf, Mütze ins Gesicht. „Wie zahlen die Herrschaften?“, fragt der Mann am Empfang Barbara. Ich stehe hinter ihr, ziehe ohne nachzudenken meine Kreditkarte und reiche sie über den Tresen. Natürlich ist „Boris Becker“ in die Karte eingeprägt. Der Empfangsherr blickt kurz drauf, verzieht keine Miene und sagt: „Willkommen, Herr Hartel, einen schönen Aufenthalt bei uns.“ Seine Wünsche sind in Erfüllung gegangen – es war meine erste Liebesnacht mit Barbara. Dem Gentleman hinter dem Hoteltresen sei wegen seiner Diskretion gedankt.

In den Wochen vor Weihnachten war ich absolut sicher: Barbara ist die Frau, meine Frau. In einem McDonald’s unweit der Hohenzollernstraße in München machte ich ihr den ersten Heiratsantrag. Sie erklärte mich für verrückt.
Meine Eltern haben von unserer Liebe – wie Millionen von Deutschen auch – zuerst aus BILD erfahren.

Im November 1992 siegte ich in Bercy über Guy Forget mit 7:6, 6:3, 3:6, 6:3. Ich war glücklich, endlich ein Turniersieg mit Barbara, trotz Barbara. Es gab Champagner in der Players’ Lounge, und zum ersten Mal redete ich mit meiner Mutter über Barbara und mich. Ganz behutsam bereitete ich sie auf unsere schwarzen Kinder vor, auf die ich mich freute. Sie warnte mich: „Stell dir mal vor, wie sie in einer deutschen Schule leiden werden!“ Barbara hörte zu und sagte nichts.

Im Frühjahr 1993 reservierte ich einen Tisch in einem unserer Münchner Lieblingsrestaurants, dem gemütlichen „Bogenhauser Hof“, und bat den Pianisten, auf ein Zeichen von mir „Summertime“ zu spielen, die Melodie aus George Gershwins „Porgy and Bess“ – Barbaras Lieblingslied.

Als sie zur Toilette ging, war der Moment gekommen. Ich versteckte einen Diamantring in ihrem Whisky-Soda – ein Heiratsantrag sollte es werden wie anno dazumal. Sie nippte an ihrem Whisky. Wo war nur der Ring? Das Schmuckstück wurde vom Eis verdeckt. Der Pianist verlängerte „Summertime“ um einige Minuten. Das Eisstück schmolz, endlich. Kein Drama durch einen verschluckten Diamanten, sondern Freude und Rührung. Am Tag darauf rief ich meine Eltern an: „Ich habe Neuigkeiten, wir haben uns verlobt.“ Stille am Telefon. War das der Schock oder leise Freude?

Das Turnier in Rom im Mai 1993 war dann eine ganz besondere Angelegenheit. Nicht wegen des Finales, das ich gegen den Russen Andrej Tschesnokow mit 2:6, 6:3, 6:7 verlor, sondern weil Barbara in eine Apotheke ging.

Ich wartete auf sie in unserer Suite im Excelsior. Statt mit weißen, blauen oder gelben Einkaufstaschen aus den feinen Läden an der Via Condotti kam sie mit einem Zettel zurück – dem Ergebnis eines Schwangerschaftstests auf Italienisch.

Weiter als „al dente“ und „domani“ reichten meine Sprachkenntnisse nicht, und Barbara war sich auch nicht sicher, ob sie alles verstanden hatte, aber der Test schien auszusagen, dass sie schwanger sei. Die Gynäkologin in München bestätigte unsere Übersetzung: Es kündigte sich Nachwuchs an.




Ich hätte Barbara am liebsten schon nach drei Monaten geheiratet, nach sechs Monaten wollte ich ein Kind von ihr – ich habe die richtige Entscheidung getroffen. In meiner Beziehung zu Barbara habe ich damals mein Selbst wiederentdeckt. Ich war in meinen letzten Tennisjahren meilenweit vom Weltranglistenplatz eins entfernt, aber wirklich gestört hat mich das damals nicht mehr. Meine Leidenschaft war die Familie geworden, Tennis nur noch eine Nebenbeschäftigung. Die Liebe meiner Söhne bewegt mich heute. Sie wissen nicht, wer ich bin, nichts von Geld, nichts von Ruhm. Als Noah einige Monate alt war und mich sah, fing er an zu lachen, mich zu drücken und zu küssen. Das war ein Urerlebnis – reine Liebe.


Die Liebe zu meinen Kindern hat meinem Dasein wirklichen Wert gegeben. Dass ich am 15. Dezember 2000, also zwei Tage vor unserem siebten Hochzeitstag, beim Münchner Familiengericht die Scheidung einreichen musste, war die größte Niederlage meines Lebens.


Lesen Sie Montag: Die Scheidungsschlacht – Becker gegen Becker
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