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Old 11-07-2003, 09:09 AM   #8
DiNaPic
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BILD-Serie: Boris Becker spricht Klartext, Teil 5
So brutal jagte mich die Steuerfahndung

Von BORIS BECKER

Boris Becker vor seinem schwersten Match: Am 23. Oktober 2002 stand er wegen Steuerhinterziehung vor dem Gericht in München


Boris Becker (35) spricht Klartext. In seiner Autobiografie „Augenblick, verweile doch...“ beschreibt er Abgründe, Glück und Schattenseiten seiner traumhaften Sportler-Karriere. BILD druckt exklusiv Auszüge aus dem fesselnden Buch vorab.


Die Sache begann in der Woche vor Weihnachten 1996 zu eskalieren. Ich hatte kurz zuvor in München den Grand Slam Cup gewonnen und für vier siegreiche Matches zwei Millionen Dollar Preisgeld kassiert.


Boris Becker vor seinem schwersten Match: Am 23. Oktober 2002 stand er wegen Steuerhinterziehung vor dem Gericht in München


Die Medien rechneten meinen Minutenlohn für den Finalsieg mit 19 578 Dollar aus.

BILD freute sich über das „Weihnachtsgeld für Boris“, und überall war nachzulesen, dass ich im abgelaufenen Jahr allein 4 312 007 Dollar an Preisgeldern verdient hatte; damit habe sich mein Karriere-Preisgeld auf 28 692 014 Dollar erhöht.

Mal Hand aufs Herz, lieber Leser: Wären Sie da nicht auch ein bisschen neidisch geworden?

Jede Minute habe ich im Finale gegen den Kroaten Goran Ivanisevic bei dem Turnier in der Olympiahalle den Gegenwert eines Mittelklasse-Wagens verdient. Dreiundachtzig Autos an einem Sonntagnachmittag! Bei den Steuerfahndern, die mich seit 1991 im Visier hatten, müssen diese
Zahlen wie Stiche ins Herz gewirkt haben.

Es waren noch vier Tage bis Weihnachten. Ich genoss die warme Sonne Miamis und spielte vor unserer Wohnung auf Fisher Island Basketball mit Freunden.

Da bekam ich einen Anruf meines Anwalts Axel Meyer-Wölden. „Boris, bleib jetzt ganz ruhig, die Steuerfahndung ist in deinem Haus. Die brauchen den Code für
deinen Tresor.“

Ich spürte, dass es jetzt ans Eingemachte ging, dass die mich fertig machen wollten. Neid und Missgunst sind die größten Plagen unserer Gesellschaft in Deutschland, und ich hatte zu viel Erfolg. Eine hübsche Frau, einen gesunden Sohn, Erfolg im Beruf, Ruhm und Ehre, Anerkennung in der Gesellschaft und mal so eben noch zwei Millionen vor Weihnachten – das reichte.

Und als ich im Januar das Ausmaß der Durchsuchung überblickte, feststellen musste, dass sie sogar Nacktfotos von meiner damals schwangeren Frau mitgenommen hatten, wurde mir schlagartig klar: „Die wollen dich verknacken.“

Mein innerer Frieden war dahin, meine Privatsphäre zerstört. (...)

Bis zur Hausdurchsuchung 1996 hatte ich neunundvierzig Turniere gewonnen, zweimal für Deutschland den Davis Cup geholt und zusammen mit Michael Stich Doppel-Gold bei Olympia in Barcelona erkämpft. Seit diesem 19. Dezember 1996 habe ich kein Turnier mehr gewonnen.

Die Angst vor dem Ungewissen, vor der dunklen Bedrohung hatte begonnen, meine Seele und mein Selbstbewusstsein aufzufressen.

Um einen Matchball im Finale zu verwandeln, brauchst du verdammt viel Selbstbewusstsein. 1997 habe ich dann in Wimbledon für mich ganz persönlich aufgehört. Ich sah keinen Sinn mehr darin, irgendwelchen Tennistiteln hinterher-zujagen, während der deutsche Staat mein eigentlicher Gegner war.

Eineinhalb Jahre später kam der nächste Schlag. Am 28. Juli 1998 schlugen die Fahnder in ganz Deutschland zu, bei Freunden, bei Vertrauten, bei meinen Eltern – bei allen gleichzeitig, Punkt neun Uhr morgens.

Eine Ex-Freundin wurde zwei Stunden lang verhört.

Eric Jelen, meinen Tennis-Kumpel, haben die Fahnder auf der Autobahn gestoppt und gezwungen, in seine Wohnung zurückzufahren – zur Hausdurchsuchung.

Ich schämte mich gegenüber meinen Freunden, fühlte mich wegen dieses völlig überzogenen staatlichen Einbruchs in deren Privatsphäre schuldig.

Aus dem Bücherregal meiner Mutter haben sie jedes Werk gegriffen und keine Rücksicht auf meinen todkranken Vater genommen.

Den wegen seines dramatischen Gesundheitszustands erforderlichen Termin für die Chemotherapie musste er wegen der Hausdurchsuchung absagen. Geschwächt litt er auf dem Sofa und sah hilflos zu. Küche, Keller, Mercedes – sie haben alles durchstöbert.

Meine Mutter, die noch am nächsten Tag vor Aufregung zitterte, bemerkte, dass die Fahnder den Aschenkasten unter dem Kamin nicht durchsucht hatten, und wies einen der Beamten auf dieses unverzeihliche Versäumnis hin: „Den sollten Sie nicht vergessen – wer weiß, welche Akten darin versteckt sind!“
In den Wochen vor dem Prozess war ich quer durch die Welt gereist. Ich schlug John McEnroe bei einem Schaukampf in New York, besuchte wieder meine Kinder in Miami, spielte mit Michael Jordan ein Charity-Golfturnier auf den Bahamas und unternahm eine zehntägige Geschäftsreise nach China. Bloß nicht nachdenken.

Noch „four to go“, noch „three to go“. Ich strich die Wochen ab wie ein Gefangener in der Zelle.

Angst und Nervosität hatten mich fest im Griff. Jetzt aber, an diesem Mittwochmorgen, war ich ganz ruhig. Ich war bereit für das Match, bereit für den Fight, egal, was kommen würde.

So war es bei mir immer gewesen: Wenn es dann endlich so weit war und ich den Court betrat, war ich ruhig, die Nervosität war verflogen. „Ready to go.“

„Zum Aufruf kommt die Strafsache gegen Boris Becker“, beginnt die Richterin das Match.

Nachdem meine Personalien geklärt sind, verliest Staatsanwalt Musiol die Anklage. Er steht mir sechs Meter gegenüber. Eigentlich nicht unsympathisch, der Typ.

„Boris Becker hat eine Wohnung in der Gaußstraße zur Verschleierung von seinen Eltern anmieten lassen. Dort hat er sich Ende 1991 an neunundfünfzig Tagen, 1992 an achtzig Tagen und 1993 an fünfundneunzig Tagen aufgehalten. Sein im Ausland erzieltes Einkommen hat er aber weiterhin als in Deutschland nicht zu versteuern angegeben und damit dem Fiskus rund 3,08 Millionen Mark an Einkommenssteuer – und weitere
vierhundertachtzigtausend Mark an Vermögenssteuer entzogen.“ So die Anklage.

Zwanzig Minuten lang ließ die Richterin Huberta Knöringer, eine resolute, aber gerechte Vierundfünfzigjährige, mich über mein Leben erzählen, von Leimen über Wimbledon bis Miami.

Dann machte sie eine Anmerkung, die die Stimmung im Saal plötzlich gefrieren ließ: Es habe Vorgespräche mit Staatsanwaltschaft und Verteidigern über die Eckdaten der Strafzumessung gegeben, aber eine Einigung sei nicht erzielt worden. Die Vorstellungen über das Strafmaß gingen einfach zu weit auseinander.

Wochenlang hatten die Medien von einem abgesprochenen Deal berichtet. Der Prozess sei nur eine Show für die Öffentlichkeit, alles im Hintergrund längst abgesprochen.

Von wegen! Jetzt merkte auch der letzte Journalist unter den einhundertsechsunddreißig Prozess-Beobachtern, dass es bitterernst war, dass es hier für mich wirklich um Freiheit oder Gefängnis ging. Ein Raunen ging durch die Reihen. Und als die Richterin fragte, wer denn nun Stellung beziehen wolle zur Anklage, sagte ich: „Das mache ich selbst.“

Mir war, als ruhten Millionen von Blicken auf meinem Gesicht, während ich meine Erklärung verlas.

„Das Steuerverfahren gegen mich dauert nun schon seit sechs Jahren. Und die Steuerfahndung ermittelt bereits seit zehn Jahren. Herausgekommen ist dabei nicht viel. Die Anklage wirft mir vor, ich hätte eine Wohnung in München verschwiegen. Demnach hätte ich 1992 und 1993 zu wenig Steuern bezahlt. Das ist alles.

Man wirft mir nicht vor, man kann mir auch nicht vorwerfen, dass ich Einnahmen verschwiegen hätte, dass ich Geld versteckt hätte, dass ich Schwarzgeld angenommen hätte oder dass ich andere kriminelle Machenschaften dieser Art begangen hätte.

Ich habe die Beträge, um die es jetzt geht, alle vollständig erklärt. (...)

Mit einer Wohnung in München wäre ich in Deutschland unbeschränkt steuerpflichtig und hätte alles Geld, das ich irgendwo auf der Welt verdient habe, in Deutschland versteuern müssen. Darum geht es und um sonst nichts.

(...) Der einzige Punkt der Anklage, über den man streiten kann, ist die Frage, ob ich eine Wohnung (in München) hatte. Ich will dar-über nicht streiten und erkläre noch einmal, dass ich damals schon wusste, dass man das so sehen kann und dass ich das in Kauf genommen habe.“

Um neun Uhr einunddreißig verliest die Richterin im Sitzungssaal A 101 des Landgerichts München I das Urteil, „Im Namen des Volkes“.

Endlos lang, mit Tausenden von Begründungen, so kommt es mir zumindest vor. „War das jetzt o. k., was sie gesagt hat?“, frage ich vorsichtig. „Ja, das war o. k.“, antwortet mein Steuerexperte Dr. Weigell. Was aber heißt o. k.: Freispruch? Bewährung?

„Zwei Jahre auf Bewährung und dreihunderttausend Euro Geldstrafe“, sagt Professor Volk, mein Verteidiger, „aber Sie verlassen das Gericht als freier Mann.“

Ich gab allen die Hand, der Richterin, den Schöffen, selbst dem Staatsanwalt. Er hatte sein Bestes gegeben. Beim Tennis gratuliert man auch dem Unterlegenen für ein gutes Match. Während Robert Lübenoff, mein PR-Beauftragter, und die Anwälte vor dem Saal mit den Presseleuten sprachen, stahl ich mich hinten raus, ab ins Auto und raus aus dem Gericht.

Aus dem CD-Player dröhnt der Tupac-Song „Me against the world“. Tränen laufen mir übers Gesicht. Es sind Tränen der Freiheit. Jetzt heißt es wieder: „Aufschlag Boris Becker.“

Lesen Sie morgen: Meine große Liebe Babs – so fing alles an


Hochzeitskuss im Schlosshotel zu Leimen am 17. Dezember 1993: Barbara und Boris Becker kurz nach ihrer Trauung.
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