MensTennisForums.com - View Single Post - Boris Becker's Biography

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Old 11-06-2003, 07:48 AM   #6
DiNaPic
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Neue Serie in BILD: Boris Becker spricht Klartext, Teil 4

Ich war eingesperrt – ohne Pass und Kontakt zur Außenwelt

Boris Becker (35) spricht Klartext. In seiner Autobiografie „Augenblick, verweile doch...“ beschreibt er Abgründe, Glück und Schattenseiten seiner traumhaften Sportler-Karriere. BILD druckt exklusiv Auszüge aus dem fesselnden Buch vorab. Heute: Mein größtes Abenteuer.


Endlich Ferien, endlich Weihnachten mit den Kindern. Ich hatte fast den ganzen Flug von Frankfurt nach Miami verschlafen.

Am Abend vorher hatte ich ein kleines Fass aufgemacht und mit meinen Freunden in München Abschied gefeiert von diesem ganz und gar unerfreulichen Jahr.

Im „P1“, der Münchner In-Disco, waren schon die Lichter ausgegangen, als wir gingen. Wir hatten ordentlich einen drauf gemacht.

„Auf die Freiheit“, war die Parole, „Champagner und Wodka für alle!“

Der Kater saß mir noch tief in den Knochen, und irgendwie habe ich überhaupt nicht verstanden, was dieser Officer am Immigration Pult von mir wollte. Ich hatte ihm wie immer meinen Pass gezeigt, freute mich auf die Kinder, die mit Barbara hinter der Tür auf mich warteten.

Der Mann aber bedeutete mir, dass ich mich an die weiße Wand neben seinem Tisch stellen solle.

Verdutzt befolgte ich die Anweisung. Die First-Class-Gäste waren längst durch, auch die Business-Klasse war abgefertigt, jetzt kam die Touristen-Klasse. Und ich stand immer noch an der Wand – wie bestellt und nicht abgeholt.

Endlich, nach mehr als einer halben Stunde, kam ein weiterer Uniformierter und forderte mich auf, ihm zu folgen.



„Was um alles in der Welt ist denn los? Was hab ich denn jetzt schon wieder gemacht?“, dachte ich. Ich wusste keine Antwort.

„Ich muss Sie jetzt verhören. Bitte nehmen Sie Platz“, sagte der Mann kalt und bot mir einen Holzstuhl in seinem spartanisch eingerichteten Büro an.

„Ich weise Sie darauf hin, dass Sie die Wahrheit sagen müssen. Wie heißen Sie?“ Das hatte ich das letzte Mal im Oktober in München vor Gericht gehört. Jetzt aber war ich in Miami – und meine Kinder warteten hinter der Tür.

Ich bin in meinem Leben schon oft in brenzligen Situationen gewesen. Deshalb habe ich mir angewöhnt, in solchen Momenten ruhig zu bleiben.


Barbara Becker (37) mit ihrem kleinen Sohn Elias Balthasar (4)


Und wer schon einmal Kontakt mit amerikanischen Behörden hatte, der weiß, dass man jede Emotion unterdrücken sollte.

Gebetsmühlenartig leierte ich meine Antworten herunter. „Ich heiße Boris Becker, lebe in München, war früher Tennisspieler, heute bin ich Geschäftsmann, und ich will meine Kinder besuchen.“ Das ganze Prozedere dauerte eine weitere gute Stunde. Immer wieder versuchte ich herauszufinden, was los war und warum ich hier wie ein Krimineller verhört wurde.

Als Antwort bekam ich aber immer nur neue Fragen.

Endlich griff der Typ zum Telefonhörer. Ein paar Minuten später kam sein Vorgesetzter herein. Der erkannte mich und sprach mich mit freundlicher, sonorer Stimme an. „Herr Becker, Sie haben ein Problem. Sie haben kein Visum.“ – „Ein Visum? Ich bin in den letzten zehn Jahren immer ohne Visum in die USA eingereist!“

„Jetzt sind Sie aber vorbestraft. Und als Vorbestrafter benötigen Sie ein Visum.“

Das war es also. Die hatten mein Steuerurteil im Computer. „Aber vor ein paar Wochen bin ich auch ohne Visum eingereist. Da gab es keine Probleme!“ – „Das hätte nicht sein dürfen. Da wurde hier ein Fehler gemacht.“

Die Stimmung wurde wieder kühler. „Und wie geht es jetzt weiter?“ – „Sie müssen mit der nächsten Maschine zurück nach Deutschland. Ohne Visum kommen Sie nicht rein.“ – „Was!?! Das ist nicht Ihr Ernst!“

Ich durfte Barbara vom Diensttelefon aus anrufen, Handy war verboten. Sie fiel aus allen Wolken. Inzwischen war es fast siebzehn Uhr. Seit drei Stunden hatte sie mit den Kindern draußen gewartet.
Den Beamten selbst war es inzwischen auch peinlich. Früher habe man sich in solchen Fällen für hundertzwanzig Dollar ein Visum am Flughafen ausstellen lassen können, aber seit dem 11. September gebe es keine Ausnahmen mehr, auch nicht für mich.

Sie suchten mir einen Flug mit der Air France heraus. Um Mitternacht! Mein Gepäck ließ die Lufthansa freundlicherweise zu Barbara nach Fisher Island bringen, und ich wurde in den Abschieberaum verfrachtet, als illegaler Einwanderer.

Stickige Luft, Schweißgeruch, kein Fenster. Venezolaner, Kolumbianer und ein paar Nutten aus Bogotá warten da auf ihre Ausweisung – und Mister Becker mittendrin.

Ich schaue auf den Boden, ich schaue in die Luft, und ich schaue in die verängstigten Gesichter der Menschen um mich herum. Allmählich beginne ich mich mit der Situation zu arrangieren.

Mein Schicksal ist ja noch zu ertragen, aber was würde diese Menschen erwarten, wenn sie wieder in ihrer Heimat landeten? Gefängnis, Schläge, womöglich Folter?

Ich war hundemüde, meine Klamotten rochen inzwischen genauso wie der Raum.

Keine Zeitung, kein Fernseher, nur eine einzige Cola. Sieben Stunden Abschiebehaft. Festgehalten, eingesperrt, ohne Pass und Kontakt zur Außenwelt, wie der Dealer aus Medellín mir gegenüber oder der Schmuggler aus Costa Rica drüben, in der dunklen Ecke des Raumes.

Gegen 22 Uhr kommt ein Federal Officer und setzt sich zu mir. Ein Baum von einem Mann.

Er ist Tennisfan, kennt meine ganze Lebensgeschichte. Wir unterhalten uns. Er lebt gerade in Scheidung. Er ist ein Fremder, wird aber innerhalb von einer Stunde zum Freund. Wir tauschen unsere Telefonnummern aus.

Es ist diese Atmosphäre, das Warten wie auf eine Hinrichtung, was fremde Menschen plötzlich seltsam tief verbindet.

Jetzt vergeht die Zeit wie im Flug. Um 23.30 Uhr bringt mich mein neuer uniformierter Freund zur Air-France-Maschine. Diskret steckt er dem Kapitän meinen Pass zu. Den darf ich erst in der Luft wiederbekommen, wenn sicher ist, dass der unerwünschte Eindringling tatsächlich das Land verlassen hat.

Ein letzter, fester Händedruck, ein freundliches Lächeln – der Officer verschwindet im schummrigen Licht.

Der Purser in der First Class lacht mich freudestrahlend an. „Herr Becker, wollen Sie Ihren Champagner und Kaviar vor dem Abflug oder erst in der Luft?“ Goodbye, Albtraum – willkommen in der Realität eines Wimbledon-Siegers. „Ich nehme den Champagner sofort, Kaviar später.“

Champagner? Kaviar? Wenn es nach einem Staatsanwalt in München gegangen wäre, hätte man mir besser Wasser und Brot servieren sollen.

Der Job dieses Mannes bringt es mit sich, Menschen hinter Gitter zu bringen; für mich hatte er dreieinhalb Jahre vorgesehen.

Lesen Sie morgen: Die Jagd auf Boris Becker

Last edited by DiNaPic : 11-06-2003 at 07:56 AM.
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