MensTennisForums.com - View Single Post - Boris Becker's Biography

View Single Post

Old 11-05-2003, 10:12 AM   #5
DiNaPic
Registered User
 
Join Date: Nov 2003
Location: www.livesportphoto.com
Age: 51
Posts: 11
DiNaPic is on a distinguished road
Default




BILD-Serie, Teil 3: Boris Becker erzählt zum ersten Mal, wie sehr er unter dem Tod seines Vaters Karl-Heinz († 63) gelitten hat
Ich konnte nicht mehr weinen, nicht mehr sprechen

Boris Becker (35) spricht Klartext. In seiner Autobiografie „Augenblick, verweile doch...“ beschreibt er Abgründe, Glück und Schattenseiten seiner traumhaften Sportler-Karriere. BILD druckt exklusiv Auszüge aus dem fesselnden Buch vorab. Heute: Der Tod des geliebten Vaters.


Ich stand vor ihm, er lag da, aber es gab ihn nicht mehr. Mein Vater. Der Mann, der vor mir aufgebahrt war. An diesem Tag im April 1999 erschien er mir wie ein Fremder. Ein Hosenbein seines Anzugs war über den rechten Knöchel gerutscht, und ich konnte auf der Haut einen Schriftzug erkennen – Becker. Mit blauem Filzstift geschrieben.

Ich zog die Hose über seinen Knöchel und küsste meinem Vater die Stirn. Ich erlebte zum ersten Mal den Tod eines Menschen, den ich von Herzen geliebt hatte.

Eine traumatische Stunde. Gibt es so etwas wie Wiedergeburt, Wiederauferstehung? Kein Trost für mich, selbst wenn es so sein sollte. Dies war Abschied. Ich konnte nicht mehr weinen, nicht mehr sprechen. Mein Vater ist nur vierundsechzig Jahre alt geworden. Und nie wieder werde ich mich an ihm reiben, mit ihm streiten können, bis die Mutter als Friedensengel einschreitet: „Karl-Heinz – lass den Jungen!“

Ich war drei oder vier Jahre alt, als ich mir aus dem Kofferraum des Autos einen Tennisschläger meines Vaters geholt und Bälle gegen die Wand im Tennisclub geschlagen habe – oder auch gegen die Rollläden unseres Hauses, stundenlang. Mein Vater flüsterte meiner Mutter zu: „Der ist nicht ganz sauber“, was außerhalb Baden-Württembergs so viel bedeutet wie: „Der hat einen Knall.“ Mein Vater hat mich am Kragen gepackt und vom Platz gezogen, wenn ich in einem Match bei den Clubmeisterschaften in Leimen mal wieder ausrastete. Ich glaube, ich war zehn oder elf. Er hat mich verprügelt, weil ich ihn mit dem Hitler-Gruß provozierte. Meine Mutter hat meinen Vater stets mit dem Argument verteidigt, er sei eben „ein wenig rustikal“. Er hat Barbara in den Arm genommen, ohne Wenn und Aber, sie lieb gehabt und mir in unserem letzten Gespräch zugeflüstert: „Beschütze deine Familie.“

In unserem Haus wurden keine rassistischen Witze erzählt, weder über Juden noch über Schwarze. Mein Vater liebte die Musik von Louis Armstrong und George Gershwin – und seine Frau, mit der er zweiundvierzig Jahre verheiratet war. Er war ein loyaler Mann, Leimen und seinen Freunden verbunden. Drei Jahrzehnte lang trat er jeden Freitagabend im Doppel an. Gegen mich hat mein Vater selten Tennis gespielt. Stattdessen habe ich Bälle mit Sabine geschlagen, meiner vier Jahre älteren Schwester.

Ion Tiriac ist für meinen Vater bis zum Schluss ein Held gewesen, und er hat sich in Ion nicht getäuscht. Eine Stunde vor der Beerdigung klingelte es an unserer Tür:
Ion Tiriac. Eine Selbstverständlichkeit für ihn, aber auch für die Familie. Für mich hatte sich der Kreis geschlossen: Vor fünfzehn Jahren hatte Ion schon mal bei meinen Eltern geklingelt. Er wollte Boris Becker unter Vertrag nehmen, das Tennistalent.

Mein Vater war für mich als Junge die Autorität. Ich habe seine konservative politische Meinung nicht geteilt, aber seine liberale Grundeinstellung geschätzt. Gleich, ob ich als Zehnjähriger in London im Nation Cup spielte (übrigens meine erste Auslandsreise) oder in Wimbledon siegte – die Einstellung meiner Eltern mir gegenüber hat sich nie verändert, der Alltag bei uns blieb, wie er immer war. Halb eins Mittagessen, halb sieben Abendessen. Fünf Minuten verspätet? Dann gab es kein Essen mehr. Zucht und Ordnung wurden groß geschrieben. Um die Erhöhung von fünf auf sechs Mark Taschengeld musste ich hart feilschen. Diskussionen, die meinem Vater missfielen oder für die ihm die Argumente fehlten, brach er einfach ab: „So isses.“ Für mich war das eine Art Diktatur. Ich habe ihm das klar gesagt, und gelegentlich hat er dann ausgeholt – keine sehr christliche Geste. Dennoch musste ich am Sonntag um halb elf in die Kirche. Damals trugen viele meiner Kumpels Ohrringe, so wie McEnroe und Agassi heute. Ich wollte auch einen haben, aber das war mit meinem Vater nicht zu machen.

Ich habe über die Jahre oft mit meinem Vater gestritten. Häufig fiel dann monatelang kein Wort zwischen uns. Er hatte sich Rechte angemaßt, die ihm, wie ich fand, auch als Vater nicht zustanden.


Er gab gerne Interviews und hat Autogramme geschrieben, obwohl meine Mutter ihn mahnte: „Der Boris mag das nicht.“ Oder er sprach mit dem Fernsehen meine Jubelfeier in Leimen ab, obwohl ich ihm gesagt hatte, dass ich das nicht wollte. Ich musste dann mitmachen, damit er nicht das Gesicht verlor. Nach der ersten Feier dieser Art habe ich ihn gewarnt: „Papa, das war schön und gut, aber bitte nicht noch mal.“ Von jedem herumgereicht zu werden war das Letzte, was ich nach einem Wimbledon-Sieg erleben wollte. Aber ich hatte meinen Vater unterschätzt.


Boris nimmt seinen Sohn Noah gern mit zu Veranstaltungen wie hier beim Formel-1-Rennen auf dem Nürburgring


Nach dem Sieg 1986 arrangierte er erneut eine Jubelfeier in Leimen.


„Schluss: Ich werde nach diesem Tag ein halbes Jahr nicht mehr mit dir reden.“ Er hat es nicht geglaubt, aber ich habe es durchgehalten. Die Feier habe ich dann doch mitgemacht. Meine Mutter hatte mich gedrängt: „Junge, mach’s, bitte, sonst müssen wir wegen dieser Peinlichkeit die Stadt verlassen!“


Hin und wieder habe ich meiner Mutter ein Problem anvertraut. Sie hat es meinem Vater nicht weitererzählt, weil sie wusste: „Er schwätzt so gern.“ Er hat das alles nicht böse gemeint, der Stolz auf den Sohn hat ihn über die Grenzen des Vertrauens hinweggetragen. Er war immer bereit, sich ins Bild zu stellen, sobald er eine Kamera sah – vielleicht werde ich mich ähnlich verhalten, wenn meine Kinder Erfolg haben.

Ich habe oft über Monate nicht zu Hause angerufen, ich wollte mein Leben selbst meistern, ich musste es schließlich. Mein Vater hat nie Geld von mir erwartet, ein entsprechendes Angebot empfand er als Beleidigung. Irgendwann konnte ich ihn überzeugen, von einem Dreihunderter auf einen Mercedes fünfhundert umzusteigen – ein Geschenk von mir. Meiner Mutter auch nur eine Uhr kaufen zu dürfen erforderte größere Geduldsarbeit. Wenn ich sie zu Turnieren einlud, gab es manches Mal Diskussionen zwischen meinen Eltern. Sie: „Wir fliegen Economy.“ Er: „First Class.“ Mein Vater war von der Welt da draußen fasziniert wie ein Kind von Nintendo-Spielen. Meine Mutter, diese bodenständige Frau, hat das eher irritiert.
Wenn ich heute daran denke, dass ich meinen Vater kurz vor seinem Tod noch einmal sprechen konnte, dann erscheint mir das nicht als Zufall, sondern als eine Fügung.

Wir waren zu dritt im Zimmer, meine Mutter, mein Vater und ich. Ich habe erzählt, vom Tennis, von Reisen, von Freunden, Projekten, Noah, der zweiten Schwangerschaft. Irgendwas, nur reden. Ich musste die Zeit überbrücken. Er wusste, dass es zu Ende ging.

Als wir ihn auf einem Stuhl aus dem Schlafzimmer an den Esstisch getragen hatten, an dem er noch einmal sitzen wollte, hat mein Vater auf die Fotos in den Silberrahmen geschaut, die auf einer Kommode im Esszimmer stehen: Sabine und Ehemann Mathias, Sohn Vincent, Barbara, Noah, ich.


Er hat das alles noch wahrgenommen, aber er hatte abgeschlossen. Ich hatte das Gefühl, er wollte nicht mehr. Meine Mutter und ich haben ihn gestützt und ihn im Wohnzimmer auf die Couch gelegt. Der Krankenwagen kam eine Stunde zu spät. Ich saß meinem Vater gegenüber, er sah mich an, aber er sprach nicht mehr. Es war die längste Stunde meines Lebens.

Mir war klar: Wenn der Krankenwagen kommt, verlässt der Papa dein Dasein. Die Sanitäter schoben ihn in die Ambulanz, er hob einen Arm, ein letztes Mal. Meine Mutter war gefasst. Sie wusste seit einem dreiviertel Jahr, dass er sterben würde. Die Chemotherapie hatte das Ende aufgeschoben, aber den Krebs nicht besiegt. „Er kommt nicht zurück, stell dich darauf ein“, sagte sie – eine tapfere Frau.


Lesen Sie morgen:
Wie Boris Becker in den USA mit Nutten und Dealern abgeschoben wurde
DiNaPic is offline View My Blog!   Reply With Quote