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Old 11-04-2003, 10:25 AM   #2
DiNaPic
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Boris Beckers Autobiografie exklusiv in BILD – Teil 2
Mein Sohn Noah half mir,
von den Tabletten loszukommen


Von BORIS BECKER

Es war eine kühle Oktobernacht, als ich meine Frau aufforderte, mich zu erschießen. Fast nackt stand ich auf der Terrasse meines Münchner Hauses und konnte diese Achterbahnfahrt in meinem Schädel nicht mehr ertragen. Am Abend war ich auf dem Oktoberfest gewesen. Hier eine Maß, da ein Schnäpschen, so wie die Münchner auf der Wiesn eben feiern.

Ich war zum ersten Mal in meinem Leben so richtig blau – und nichts, weder kalte Umschläge noch Aspirin oder Mineralwasser brachte mir in der Nacht Erlösung. Ich bin wirklich kein zartes Pflänzchen, ich kann durchaus einiges ertragen und vertragen. An jenem Abend aber war ich zu weit gegangen, und es war nicht das erste Mal, dass mir der Alkohol Probleme bereitete. Dabei war ich eigentlich ein braver Junge, der mit Trinken und Rauchen nichts im Sinn hatte.

Ich stand auf dem Platz und hustete, weil ich zu schnell atmete, zu langsam oder zu nervös war und wie ein Hecht nach Luft schnappte. Die Leute rätselten darüber, ob das bloß ein Tick sei oder ob ich vielleicht krank sei. Ich war krank. Schlaftabletten waren mein Problem. Erst 1992 würde Barbara meine letzte Packung aus dem Fenster ihrer Wohnung werfen.

Im Frühjahr 1987 konnte ich den Druck nicht mehr aushalten: Ich fing mit Schlafmitteln an – scheinbar ganz harmlos. Unser damaliger Davis-Cup-Arzt, Professor Joseph Keul, fragte uns irgendwann: „Probleme mit dem Schlafen?“ Die hat gelegentlich jeder Athlet. Um topfit zu sein, braucht man acht, neun Stunden Schlaf. Also probierten wir alle ein Medikament aus – Planum.

Über Jahre habe ich mit diesem Zeug gelebt. Zum Schluss bin ich mitten in der Nacht aufgewacht, weil die Wirkung nur noch drei, vier Stunden anhielt. Ich musste dann noch mal zwei Tabletten nachwerfen – die doppelte Dosis. Keiner wusste von der Chemie, die mich betäubte.

Zeitweise konnte ich ohne Schlafmittel überhaupt nicht mehr die Augen zumachen. Drei, vier Turniere in einem Monat, Jetlag, Stress, dann eine Woche frei. Die erste Nacht: Rückenlage, Bauchlage, linke Seite, rechte Seite – nur auf dem Kopf stand ich nicht bei der Suche nach der Köstlichkeit Schlaf. In meinen schlimmsten Phasen kam dann auch noch Whisky hinzu, der die Wirkung der Tabletten verstärkte.

Ich war wild entschlossen, mich aus dem sportlichen Tief von 1987 zu befreien. Ich wollte ganz nach oben, wieder gewinnen, und zwar um jeden Preis. Also suchte ich für jedes Problemchen ein Gegenmittel: gegen die schwache Vorhand zwei Stunden Vorhandtraining, gegen einen schwächeren Aufschlag hundert Aufschläge täglich. Gegen die Schlaflosigkeit gab es Planum, gegen Schmerzen ein paar andere Tabletten. Gegen das Alleinsein halfen Frauen, Whisky oder beides. Ich musste mein Turnierpensum reduzieren, weil ich zwischendurch Zeit brauchte, um mich ein wenig von den Tabletten zu lösen.

Die Nebenwirkungen der Schlaftabletten waren alles andere als erfreulich: Das Mittel machte mich melancholisch.

Wenn ich spielte, war ich am Anfang immer noch verpennt – so wie 1991 in Stockholm im Finale gegen Stefan Edberg. Erster Satz im Nebel, 3:6. Dann ein toller Fünf-Satz-Sieg. Und danach? Ich war tieftraurig, obwohl ich eigentlich vor Freude hätte singen müssen. Die Chemie der Tabletten hatte das Gespenst Depression lebendig gemacht.

Vor den Spielen musste ich natürlich die Dosis runtersetzen, es zumindest versuchen. Die Folge: Ich konnte überhaupt nicht mehr schlafen.

Es gab schlimme Nächte für mich, obwohl ich selten aus dem Ruder lief, in der Öffentlichkeit sowieso nicht. Es passierte immer in meinem Zimmer, wenn ich allein war. Meine Trainer haben das nie gemerkt. Ab zweiundzwanzig Uhr, nach dem Essen, habe ich mit Planum angefangen, zwei Heineken nachgelegt und, um die Wirkung zu verstärken, auch mal einen Whisky. Ich hatte gelesen, was Elvis Presley so alles an Psychodrogen im Leib hatte, als er starb. Seine Biographen sprachen von „russischem Roulette mit Drogen“. So weit war ich nie, aber in meiner schlimmsten Phase, von 1990 bis 1991, bin ich schon manchmal morgens aufgewacht und wusste nicht, wo ich war.


Boris nimmt seinen Sohn Noah gern mit zu Veranstaltungen wie hier beim Formel-1-Rennen auf dem Nürburgring


Das Wimbledon-Finale gegen Stefan Edberg 1990 hätte ich buchstäblich fast verschlafen. In der Nacht vor dem Match nahm ich eine Dosis, aber um vier Uhr morgens war ich trotzdem noch wach. Das Training war für elf Uhr angesetzt, also hatte ich noch Zeit für einen Planum-Nachschub. Um halb elf wachte ich auf, benommen wie immer, und das am Tag des Wimbledon-Finales! Also runter in den kleinen Garten vor dem gemieteten Haus, joggen, joggen: „Mach den Kopf frei, Junge, lauf dir die Chemie raus!“
Zum Training kam ich zu spät, das Match begann ich wie ein Schlafwandler – nicht auf Wolke sieben, sondern mittendrin, völlig verhangen. 2:6, 2:6. Dann erwachte ich endlich, auf dem Centre Court von Wimbledon. Good Morning, ihr Briten! Ich gewann die nächsten beiden Sätze und verlor dann doch alles, auch den Schlaf der folgenden Nacht.

Mit der Geburt meines ersten Sohnes Noah war der Spuk ganz vorbei. Ich hatte jetzt einen wunderbaren Grund, wach zu bleiben, wollte mich nicht mehr in den Schlaf flüchten, musste nicht mehr diese Seele und Herz zerreißende Einsamkeit bekämpfen. Noah hat mich befreit.

Ein paar spezielle Matches, nämlich die mit mir selbst, musste ich damals auch noch so nebenbei austragen. Albträume, Schlafstörungen, Jetlag, Mattigkeit nach langen Interkontinentalflügen – wer kennt das nicht? Bei mir, dem großen Blonden, der scheinbar unerschütterlich auf den Platz stolzierte, kam noch Verschiedenes oben drauf. Vor allem plagte mich seinerzeit Klaustrophobie. Im Flugzeug vermied ich den Blick aus dem Fenster auf die Wolken oder auf schneebedeckte Bergspitzen und ließ mir immer einen Platz am Gang geben.

Eingeengt zu sein war für mich ein fürchterliches Gefühl. Ich musste mich dann mächtig zusammenreißen, um nicht auszuflippen. Einmal passierte mir das nach einem Konzert der drei Tenöre Luciano Pavarotti, Plácido Domingo und José Carreras im Münchner Olympiastadion. Nach dem Auftritt trafen Barbara und ich die Sänger hinter der Bühne. Gemeinsam wollten wir in ein Großraum-Restaurant gehen, in dem sich tausend geladene Ehrengäste trafen, sozusagen die engsten Freunde. Wir standen ungefähr zu zehnt im Fahrstuhl des Olympiastadions – der Dirigent, die Sänger, Ehefrauen, Freundin. Da blieb der Fahrstuhl stecken! Nicht zwei Minuten, sondern eine halbe Stunde. Auf Grund meiner Länge hatte ich oben Luft und Platz. Domingo, meine Frau, Pavarotti, alle hielten Händchen und hofften, dass es bald vorbei sei. Plötzlich fing Pavarotti an, das „Ave Maria“ zu summen. Ich sagte nichts, sondern kümmerte mich um mein eigenes kleines Leben. Ich wollte nicht ausrasten.

Allein der Gedanke daran, was wohl mit mir passieren würde, wenn nicht bald jemand kam, machte mich fast wahnsinnig. Die Tenöre stimmten ein Lied an, noch eins, und alle summten mit. Angst mit Arien, ein unglaublicher Augenblick. Dann ein Rucken, ein Zucken – die Rettung. Unser Fahrstuhlkonzert war beendet.


Der geschlagene Held: Boris Becker verlor am 8. Juli 1990 das Wimbledon-Finale gegen Stefan Edberg. Was die Zuschauer nicht ahnten: Becker stand beim Match unter Einfluss des Schlafmittels Planum

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