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DiNaPic 11-04-2003 10:24 AM

Boris Becker's Biography
 


BORIS BECKER (Teil 1)
Sex wird total überbewertet

Von ROLF HAUSCHILD und CLAUS STRUNZ

Die BamS-Redakteure Claus Strunz (links) und Rolf Hauschild beim Gespräch mit Boris Becker im Berliner Hotel „Adlon“


Die BamS-Redakteure Claus Strunz (links) und Rolf Hauschild beim Gespräch mit Boris Becker im Berliner Hotel „Adlon“


BILD am SONNTAG: Sie haben gerade Ihre Lebenserinnerungen geschrieben. Finden Sie das mit gerade mal 35 Jahren nicht etwas zu früh?
Boris Becker: Nein, überhaupt nicht. Mein Buch ist eine Autobiografie, es erzählt Geschichten über mich und nicht über andere. Das ist der erste wesentliche Unterschied zu vielen Büchern, die zurzeit leider oder zum Glück auf dem Markt sind.

Sie meinen die Werke von Bohlen oder Naddel?

Wenn ein Leser mit dem kleinen Feldbusch oder aber mit Bohlen zufrieden ist – in Ordnung! Ich allerdings habe ein anderes Verständnis von Niveau. Ich rede nicht mal mit meinen Kumpels darüber, wie meine letzte Freundin im Bett war, also werde ich das schon gar nicht öffentlich tun.

Der Auflage könnten solche Bekenntnisse helfen...

Die Auflage interessiert mich nur an zweiter Stelle. Abgesehen davon wird mein Buch in über 50 Ländern verlegt. Ich gehe ehrlich, direkt und klar mit mir um. Und ich habe ja für einen jungen Mann schon ein sehr bewegtes und sehr üppiges Leben führen dürfen.

Angesichts dieses üppigen Lebens hätten wir als Titel Ihres Buchs auch eher etwas in Richtung von „Nichts als die Wahrheit“ erwartet...

Ich finde den Titel „Augenblick, verweile doch . . .“ sehr passend, weil es in meinem Leben wirklich viele wunderschöne Augenblicke gab, aber auch sehr, sehr schwierige und schmerzhafte. Aber all diese Augenblicke, die damit verbundenen Erfahrungen haben den Menschen Becker weitergebracht.

Mit „Augenblick, verweile doch . . .“ zitieren Sie aus Goethes Faust. In dem Drama schließt Dr. Faust einen Pakt mit dem Teufel. Wo haben Sie denn den Teufel getroffen?

Ich war mein ganzes Leben lang ein Grenzgänger, um Gefühle zu spüren und Reaktionen auszulösen. Dabei bin ich auch in Bereiche vorgedrungen, wo ich mir sagte: Hoppla, wenn ich jetzt weitergehe, habe ich ein Problem. Wenn der Gegner zum Beispiel plötzlich das eigene Land, die eigene Justiz ist, dann hört es mit dem Spielen und dem Spaß auf.

Bundesfinanzminister Hans Eichel als Mephisto?

Es geht nicht um Steuern und ums Zahlen, sondern es geht darum, dass der Staatsanwalt in meinem Steuerprozess letztes Jahr versucht hat, mir die Freiheit zu nehmen und mich für dreieinhalb Jahre ins Gefängnis schicken wollte.

Dann ist also der Staatsanwalt der Teufel?

Ich habe nichts gegen den Mann persönlich. Er hat seinen Job gemacht und ist sicherlich überzeugt von dem, was er tut. Das Irre ist nur: Er will mich in den Knast bringen, und ich bezahle ihn auch noch dafür von meinen Steuergeldern.

Reden wir doch noch mal über Hans Eichel. Er hat Sie, Franz Beckenbauer und Michael Schumacher als „Steuerflüchtlinge“ beschimpft.


Was mich betrifft, ist das faktisch falsch. Für alle meine Geschäfte, meine Verträge, die ich bis zu meinem Umzug in die Schweiz in Deutschland abgeschlossen habe, zahle ich weiterhin in Deutschland die Steuern. Mehr als die meisten Deutschen, ein paar Millionen Euro in den nächsten Jahren. Deshalb stellt sich faktisch die Frage einer Steuerflucht gar nicht. Dazu bin ich ja 1994 freiwillig nach Deutschland zurückgekommen und habe hier seitdem über 25 Millionen Euro Steuern gezahlt. Und dafür habe ich dann einen Tritt in den Arsch bekommen.


Klare Worte. Würden Sie sich als Held bezeichnen?

Nein, ich nicht. Aber ich habe in meiner Karriere Erfolge geschafft, die vor mir noch keiner erreicht hat. Deshalb bin ich für den einen ein Held, für den anderen eine Legende.

Warum sehen Sie sich persönlich nicht als Held?

Ich wollte diese Rolle nie erfüllen und konnte es auch nicht. Ich kannte mich selbst ja nicht nur als Tennisspieler, sondern auch als Mensch. Und ich habe immer auch die dunkle Seite meiner Seele gesehen. Ich will nur als Vater ein Vorbild sein. Und da bin ich kein Star und keine Legende. Bei einem Elternabend zum Beispiel stehe ich nicht auf der Bühne, sondern sitze in der hintersten Reihe.

Aber auch dort bleiben Sie immer der berühmte Boris. Was, glauben Sie, sehen Ihre Kinder in Ihnen?
Die sehen mich nicht als strahlenden Helden. Für die bin ich einer, an dessen Schulter man sich immer lehnen kann. Wenn ich bei ihnen bin – ob es zwei Stunden, zwei Tage oder zwei Wochen sind –, dann bin ich ganz und gar für sie da. Ich hecke mit ihnen Streiche aus, da bin ich ein Kumpel. Ich beaufsichtige die Hausaufgaben, da bin ich streng. Ich spiele mit ihnen Basketball, da bin ich Sportler. Als die Summe all dieser Rollen sehen mich meine Kinder.

Dürfen Ihre Kinder Ihr Buch komplett lesen? Oder gibt es Passagen, in denen sie Ihren Vater nicht wiedererkennen würden?

Ich habe das Buch für meine Kinder geschrieben. Für meine drei Kinder. Damit sie meine Wahrheit schwarz auf weiß haben. Ich habe zwei Söhne, neun und vier, und eine dreijährige Tochter. Und natürlich können die heute noch nicht alles begreifen. Aber sie können ja die nächsten Jahre immer wieder darin lesen und werden dann manches besser verstehen. Die kleine Anna wird beispielsweise erfahren, warum sie mit Nachnamen nicht Becker heißt wie meine Söhne Noah und Elias.

Und es stört Sie nicht, wenn Sie Wahrheiten, die für Ihre Kinder bestimmt sind, zugleich einem Millionenpublikum vorsetzen?

Von diesem Thema habe ich mich vor 18 Jahren – mit meinem ersten Wimbledon-Sieg – verabschiedet. Ich führe ein öffentliches Leben, und deshalb sind auch meine Kinder bekannte Menschen und werden es immer bleiben. Und auch für diese Art zu leben gibt es in dem Buch Hilfestellungen.

Als „Ihre“ Kinder wurden bisher primär Ihre beiden Söhne wahrgenommen. Weniger dagegen Ihre uneheliche Tochter in London, vielleicht auch wegen der dramatischen Umstände...

(lächelt) . . . Sie meinen ihre Entstehung? Anna war ja bereits über ein Jahr alt, als es biologisch durch den DNA-Test feststand, dass ich der Vater bin. Also kann ich zu ihr noch nicht eine so intensive Beziehung haben wie zu meinen Söhnen. Und es wird sicher noch dauern, bis ich lerne, sie hundertprozentig zu lieben. Vor dem allerersten Treffen war ich so unsicher, wie ich reagieren würde. Fange ich an zu weinen, kriege ich totale Vatergefühle? Oder stoße ich sie komplett ab?

Und, wie war’s wirklich?

Irgendwo dazwischen. Ich kann generell gut mit Kindern umgehen. Und mit jedem Besuch habe ich mich mehr getraut, sie in den Arm zu nehmen und mich emotional auf sie einzustellen. Aber eben noch längst nicht so sehr wie auf Noah und Elias, die während der ersten Jahre ihres Lebens sehr intensiv mit meiner Ex-Frau und mir zusammen waren.


Sie wurden mal im Zusammenhang mit der kleinen Anna mit dem Satz „Es war ein Fehler“ zitiert.

Der Satz bezog sich darauf, dass es ein Fehler war, sich mit ihrer Mutter auf diese Art und Weise eingelassen zu haben. Aber es war mein Fehler, meine Schuld, dass es dazu kam. Niemand sonst trägt die Verantwortung. Mit Anna hat das aber nichts zu tun. Da möchte ich Franz Beckenbauer zitieren: Der liebe Gott freut sich über jedes Kind.

Also stört in Ihrer Beziehung zu Anna irgendwie die Mutter Angela Ermakowa?

Nein, auch dieses Verhältnis hat sich wunderbar entspannt. Wir haben beide realisiert, dass wir eine gemeinsame Tochter haben, und das ist erst mal das Wichtigste. Damit müssen wir verantwortungsbewusst umgehen und ihr eine Chance geben. Für alles andere gilt: Auch hier heilt die Zeit alle Wunden. Bei meinen Besuchen gibt es kein Gezeter, kein Geweine. Sie fragt mich: Magst du noch ein Bier oder einen Kaffee, und that’s it.

Gab es denn schon eine Familienzusammenführung mit allen Kindern und den Frauen?
Nein, aber das ist ein Traum von mir. Ich bin ein Familienmensch. Weihnachten ist ein Familienfest, zu dem gehören einfach Kinder, Mütter, Väter. Wer weiß...

Reicht Ihnen Ihre jetzige Großfamilie? Oder sagen Sie, mit der richtigen Frau könnte ich mir vorstellen, weitere Kinder zu haben?

Eine Freundin hat mir gestern einen Satz gesagt, den ich hier gern wiederholen möchte. Er lautet: Du bist ein junger, fruchtbarer Mann! Kinder sind für mich das Schönste. Und wenn es in einem intakten Elternhaus möglich ist, warum nicht? Aber derzeit ist das für mich kein Thema. Ich führe ein Leben, in dem ein weiteres Kind im Moment keinen Platz hätte.

Ist Ihre aktuelle Freundin, die Tänzerin Caroline Rocher, die Frau, mit der Sie eine gemeinsame Zukunft planen?

Wir leben im Hier und Heute. Caroline ist eine junge Frau, die ich seit einem Jahr kenne und die ich in dieser Zeit lieben und respektieren gelernt habe. Und sie ist zudem eine viel zu ehrgeizige Ballerina, um schon jetzt ihrem Privatleben Priorität zu geben. Sie lebt in New York, ich lebe in Zug. Wir sehen uns gern und oft, aber nicht jeden Tag und jede Woche. Damit ist genug gesagt.

Ein klares Ja oder Nein wäre uns lieber.

Dann sage ich euch etwas anderes: Ich hatte und habe Freundinnen, mit denen tausche ich keine Körperflüssigkeiten aus. Das gibt’s tatsächlich, und auch bei mir ist das so.

Das heißt konkret?

Sex in unserer Gesellschaft wird total überbewertet. Sicher, sex sells, das wissen wir alle, egal ob in der Zeitung oder im Fernsehen...

Aber?

Aber ich finde, wenn man einen Menschen trifft, dem man die eigene Seele öffnet, mit dem man sich auf dieser Ebene austauscht oder vereinigt, dann ist das zehnmal so intensiv, spannend oder erotisch als kalter Sex. Der gehört natürlich dazu, bringt Befriedigung, macht Spaß, ist aber längst nicht so intim und persönlich.

Wie groß war Ihr Spaßbedürfnis während der Ehe?

Ich war während meiner Ehe monogam, sieben Jahre lang. Aber ich denke auch, dass wir Männer nicht dazu geschaffen sind, unser ganzes Leben monogam zu sein. Ich trage heute keinen Ehering mehr und habe jetzt die Freiheit, das zu sagen und zu tun, was vielleicht viele denken und sich wünschen. Trotzdem meine ich, wir haben in Deutschland größere Probleme, als meine jeweiligen Sexpartner zu diskutieren. Ich verstehe nicht, dass dies die Öffentlichkeit immer noch interessiert.

Was glauben Sie, was Frauen an Ihnen so toll finden?

(Pause) Keine Ahnung. Ich bin nicht besonders reich, ich bin nicht besonders hübsch, ich bin kein Adonis, und meine Männlichkeit ist auch nicht überdimensional (lacht). Aber die Frauen scheint das nicht zu stören.

Und was gefällt Ihnen an den Frauen am meisten?

Ich bin seit Jahren auf der Suche, das weibliche Geschlecht zu verstehen. Aber je älter ich werde, desto weniger gelingt mir das. Als Erstes schaue ich einer Frau in die Augen, und dann wandert mein Blick natürlich zwangsläufig weiter nach unten... Wobei der Gang und die Haltung mindestens so wichtig sind wie der Busen und die Hüften. Insgesamt entscheidet natürlich die Persönlichkeit.

In der „Zeit“ hat Ihre Ex-Frau Barbara unlängst einen Traum geschildert. Zwischen den Zeilen konnte man herauslesen, dass sie die Hoffnung auf ein Comeback der Beziehung mit Ihnen nicht aufgegeben hat. Ist das aus Ihrer Sicht völlig ausgeschlossen?

Erst mal haben wir es geschafft – trotz aller Probleme –, mit unseren Söhnen als Familie intakt zu bleiben. Natürlich war das erste Jahr nach der Scheidung sehr schwierig. Ich habe diese Frau mal abgöttisch geliebt, und das ist heute nicht mehr der Fall. Aber wenn man zehn Jahre so intensiv zusammengelebt hat wie wir, bleibt immer ein starkes Gefühl, eine Form der Liebe erhalten.


Nach Babs betritt plötzlich auch wieder Sabs die Szene – Sabrina Setlur, Ihre erste Liebe nach der Scheidung. Auf ihrer neuen CD rappt die schöne Sängerin: „Willst du wissen sogar, wie der Sex mit Boris war?“

Es war viel Gefühl in unserer Beziehung, nur leider haben sich unsere Lebenswege anders entwickelt. Ich mag Sabrina, ich mag ihre Musik, und es ehrt mich, wenn sie über mich rappt. Weil es mir zeigt, dass ich wichtig war in ihrem Leben.

Spielt Sabrina Setlur in Ihrem Buch eine Rolle?

Ja, aber auch hier gilt: Ich enthülle keine Bettgeschichten oder so etwas.

Was wollen Sie in Ihrem Leben unbedingt noch erreichen?

Meine erste Karriere als Tennisprofi habe ich erfolgreich beendet. Jetzt freue ich mich auf mein zweites Leben als Unternehmer. Und ich bin gespannt, wo ich in zwanzig Jahren stehen werde.

Spätestens dann wäre es ja Zeit für das Werk „Faust 2“.

Das schreibe ich frühestens mit 70!





Boris’ schwerste Beichte:
Die Nacht im Hotel mit Annas Mutter


Von BORIS BECKER

Boris Becker (35) und seine uneheliche Tochter Anna (3) – jetzt verrät der Tennisheld erstmals, was wirklich in der verhängnisvollen Nacht in einem Londoner Hotel geschah. Ab heute in BILD: Exklusiv die intimen Geständnisse von Boris.

Der Tennis-Held, wie ihn keiner kennt: Boris Becker (35) spricht Klartext. In seiner Autobiografie „Augenblick, verweile doch...“ beschreibt er Abgründe, Glück und Schattenseiten seiner traumhaften Sportler-Karriere. BILD druckt exklusiv Auszüge aus dem fesselnden Buch vorab.

Lesen Sie heute:
Die intimen Sekunden mit Angela Ermakova – so war es wirklich.

Es war Ende Juni 1999. Ich stand allein auf der Terrasse meines Londoner Hotels. Der Tennis-Profi Boris Becker war gerade abgetreten, unwiderruflich. Nie mehr dieser Jubel der Massen, nie mehr der Centre Court von Wimbledon.

Ich wollte jetzt nur allein sein, raus auf die Terrasse. Dort habe ich geheult – Tränen der Befreiung, aber auch Tränen der Wut und der Verzweiflung.

Das Kapitel Tennis war nun abgeschlossen, meine Karriere endgültig beendet. Ein Gefühl der unendlichen Erleichterung hatte mich im ersten Moment gepackt.

Aber später im Hotel hatte ich prompt wieder einen dieser Streits mit Barbara, die in den letzten Monaten unser Zusammenleben immer unerträglicher machten.

Es war einfach zum Kotzen.

Der Auslöser heute war harmlos gewesen: Was macht ein Arbeiter, bevor er in Rente geht?

Er trinkt mit seinen Kollegen ein Bier, verabschiedet sich von der Belegschaft und widmet sich dann seiner Familie.



Ich wollte das auch so machen und ging nach dem letzten Match direkt ins so genannte Deutsche Haus, zum letzten Mal.

Die letzten Interviews, ein paar Bierchen mit den Journalisten. Schließlich waren diese Wimbledon-Berichterstatter auch eineinhalb Jahrzehnte Teil meiner Arbeitswelt gewesen.

Ein bisschen hatte ich wohl die Wirkung der paar Becks-Fläschchen unterschätzt. Direkt nach einem kräfteraubenden Match geht der Alkohol natürlich direkt ins Blut.


Vielleicht wäre ich sonst etwas besonnener gewesen, als Barbara mir nach der Rückkehr ins Hotel eine Szene machte.

Sie konnte und wollte einfach nicht verstehen, dass sie nicht sofort an erster Stelle stand.

„Noch einmal mit den Jungs, Barbara, nur noch einmal zum Abschied, dann kommst nur noch du!“ Es half nichts, wir stritten zwei Stunden lang.

Plötzlich setzten bei ihr die Wehen ein.

Sie war im siebten Monat mit unserem zweiten Sohn Elias schwanger. Waren die Wehen Ausdruck von Stress wie immer wieder mal in der letzten Zeit, vielleicht gar Vorwand zur Steigerung des Mitgefühls? Oder sollte Elias tatsächlich ein Sieben-Monats-Kind werden?

Barbara entschied, sich von ihrer Freundin Kim Steeb ins Krankenhaus bringen zu lassen. „Wenn es wirklich ernst wird, ruft mich an. Dann komm ich sofort“, versprach ich.



Was es schließlich war, das mich noch einmal in die Nacht raustrieb – ich weiß es nicht. Gegen dreiundzwanzig Uhr jedenfalls saß ich an der Bar des „Nobu“.

Sie war mir schon vor zwei Wochen aufgefallen.

Ich war mit Freunden im „Nobu“ gewesen, zum Wimbledon-Auftakt. Und sie hatte genau diese zwei Sekunden länger geschaut, die dem erfahrenen Jäger sagen: Die will was von dir. Jetzt war sie wieder da, ging zweimal an der Bar vorbei. Und wieder dieser Blick.

Einige Zeit später verließ sie ihren Tisch Richtung Toilette. Ich hinterher. Fünf Minuten Small-Talk, und schon ging’s in der nächstmöglichen Ecke zur Sache.

Anschließend kehrte sie zurück zu ihren Freundinnen, ich trank noch ein Bier, zahlte und fuhr mit dem Taxi zurück ins Hotel.

Nachdem auch dort keine Nachricht aus dem Krankenhaus vorlag, ging ich gegen zwei Uhr ins Bett. Am Morgen fuhr ich zu Barbara.

Die Wehen waren falscher Alarm gewesen.

Wir packten unsere achtundzwanzig Tennis-Taschen und Koffer und verließen England. An die Begegnung der ganz und gar überraschenden Art am Vorabend verschwendete ich keinen Gedanken mehr.

Im Februar des darauf folgenden Jahres hielt mir meine Sekretärin in München ein Fax mit seltsamem Inhalt unter die Nase...

„Sehr geehrter Herr Becker, wir hatten uns seinerzeit in London im ‚Nobu‘ getroffen. Das Ergebnis unseres Meetings ist nun bereits im achten Monat“, stand darauf sinngemäß und eine Telefonnummer. Ich wusste erst gar nicht, was das sollte, um was es ging.
Also rief ich an. Unmissverständlich teilte mir eine weibliche Stimme auf Englisch mit: „In einem Monat kommt dein Kind zur Welt.“

Mir zog es den Boden unter den Füßen weg. Natürlich hatte ich mich wieder an diesen Abend erinnert.

Aber, verflucht noch mal, das gab es doch gar nicht! Das ging doch überhaupt nicht! Ich will an dieser Stelle darauf verzichten, detailliert zu beschreiben, wie wir es gemacht, oder besser: nicht gemacht hatten.

Wir telefonierten nun jede Woche. Niemand in meinem Umfeld wusste von der Sache.

Ich flog schließlich nach London und traf mich mit der Dame in einem Hotel. Es erschien tatsächlich eine hochschwangere Frau.

Der Umgangston war geschäftlich: Wenn ich nicht bereit sei, die Verantwortung zu übernehmen, würde die Öffentlichkeit informiert, und es würde mir ergehen wie anderen Prominenten, etwa wie Mick Jagger, dessen uneheliches Kind mit einem brasilianischen Model wochenlang den Blätterwald beherrschte.

Am 22. März 2000 kam dann im Chelsea and Westminster Hospital ein Mädchen namens Anna zur Welt.

In der Zwischenzeit hatte ich in London Detektive von Pinkerton beauftragt, Nachforschungen anzustellen über die Mutter, die angab, als Kellnerin und Fotomodell zu arbeiten.

Nach zwei Monaten kam die Antwort: Ich solle nicht weiter recherchieren, es sei zu gefährlich.

Die Medien berichteten später von dunklen Machenschaften und Verbindungen zur Unterwelt. Und auch aus diesen Kreisen wurde mir signalisiert, nicht weiter rumschnüffeln zu lassen.

Also entschied ich mich, das Kind zu akzeptieren, wenn die Ärzte nachwiesen, dass es wirklich von mir war. Ich hatte einen Seitensprung begangen in einer für mich außergewöhnlichen Lebenssituation. Ein Verbrechen war das nicht, und erpressen lassen wollte ich mich auf keinen Fall.

Natürlich empfand ich große Scham. Wie sollte ich damit umgehen, wie sollte ich es meiner Frau, meiner Mutter oder auch Noah beibringen?

An einem Freitag im September 2000, also zwei Monate vor unserer Trennung, passte ich einen Moment ab, in dem Barbara und ich abends alleine waren in unserem Haus in Bogenhausen. Die Kinder schliefen schon, Barbara hantierte in der Küche herum.

Da fasste ich mir ein Herz und erzählte ihr alles, jedes Detail, und warum und wie es dazu gekommen war. Sie war natürlich überrascht, aber nicht hysterisch.

Sie konnte nicht glauben, wie es gelaufen war. Dass es so gelaufen war.

„Jetzt hast du alle Rechte der Welt. Du kannst gehen, du kannst sagen, wie es weitergehen soll. Ich liebe dich aber immer noch, und wenn es für dich irgendwie möglich ist, dann lass uns weiter zusammenleben.“ Zwei Tage lang dachte Barbara darüber nach.

„Ich weiß zwar noch nicht, wie, aber wir schaffen das.“ Ich war erleichtert.

Noah habe ich es erst einen Sommer später in den Ferien auf Mallorca gestanden. Wir fuhren allein im Auto.

Da habe ich meinem Kleinen in seiner Sprache erklärt, was er wissen musste – die schwerste Beichte meines Lebens.

Er hat zugehört, kein Wort gesagt. Keine Rückfragen, bis heute nicht. Ich war restlos erleichtert. Aber es wird der Moment kommen, wo er alles wissen will.

Nach monatelangem Tauziehen, wo, wann und wie der Vaterschaftstest durchgeführt werden sollte, gab ich in einem Londoner Krankenhaus heimlich eine Speichelprobe ab.

Im Februar 2001 stand es dann zweifelsfrei fest: Anna ist biologisch meine Tochter.

Sicherlich hat mein Seitensprung die Trennung von Barbara beschleunigt. Die Spannungen waren ja schon seit Monaten immer stärker geworden.

Auch wenn wir es nach meinem Geständnis wirklich weiter miteinander versuchen wollten, so wurde es vor allem für mich immer schwerer.

Barbara war wirklich bereit, sich mit der Situation zu arrangieren. Mir aber saß die Steuer im Nacken, dazu kamen weitere Probleme, und nun war ich gegenüber Barbara völlig in der Defensive – ein Zustand, den mein Naturell nicht erträgt.

Sie hatte mich in der Hand.

Bei jeder Diskussion hatte sie am Ende immer das Killer-Argument London. Das konnte ich zusammen mit all den anderen Problemen irgendwann nicht mehr ertragen.

Was aber wird aus dem Kind werden, was wird sie für ein Mensch werden? Die Mutter kannte ich überhaupt nicht, als es zu unserer einzigen Begegnung kam.

Auch später hatten wir kaum Kontakt, bis kurz vor Annas zweitem Geburtstag, als ich sie zum ersten Mal sah.

Bis dahin hatte ich Anna nicht als mein Kind betrachtet, die Ärzte hatten das getan. Würde ich trotzdem Vatergefühle für sie entwickeln?

„Schau, da kommt der Papa“, kündigte Annas Mutter mich an.

Mit gemischten Gefühlen betrat ich die Wohnung. Anna aber war ganz normal. Sie sprang mich nicht gerade an, war nicht gerade überschwänglich, aber sie hatte Zutrauen. Über eine Stunde spielten wir allein miteinander.

Natürlich ertappte ich mich dabei, wie ich sie unter die Lupe nahm: Wem sieht sie ähnlich, wie benimmt und verhält sie sich?

Seitdem besuche ich Anna alle zwei Monate, und auch mit der Mutter hat sich das Verhältnis normalisiert. Wir sprechen über Anna und über ihre Zukunft. Ich will lernen, meine Tochter zu lieben.


Das feine Londoner Hotel „Nobu“. Hier feierte Boris den Abschied vom Profi-Tennis. Wenig später kam es zum Blitz-Sex in der Wäschekammer

http://www.bild.t-online.de/BTO/

DiNaPic 11-04-2003 10:25 AM



Boris Beckers Autobiografie exklusiv in BILD – Teil 2
Mein Sohn Noah half mir,
von den Tabletten loszukommen


Von BORIS BECKER

Es war eine kühle Oktobernacht, als ich meine Frau aufforderte, mich zu erschießen. Fast nackt stand ich auf der Terrasse meines Münchner Hauses und konnte diese Achterbahnfahrt in meinem Schädel nicht mehr ertragen. Am Abend war ich auf dem Oktoberfest gewesen. Hier eine Maß, da ein Schnäpschen, so wie die Münchner auf der Wiesn eben feiern.

Ich war zum ersten Mal in meinem Leben so richtig blau – und nichts, weder kalte Umschläge noch Aspirin oder Mineralwasser brachte mir in der Nacht Erlösung. Ich bin wirklich kein zartes Pflänzchen, ich kann durchaus einiges ertragen und vertragen. An jenem Abend aber war ich zu weit gegangen, und es war nicht das erste Mal, dass mir der Alkohol Probleme bereitete. Dabei war ich eigentlich ein braver Junge, der mit Trinken und Rauchen nichts im Sinn hatte.

Ich stand auf dem Platz und hustete, weil ich zu schnell atmete, zu langsam oder zu nervös war und wie ein Hecht nach Luft schnappte. Die Leute rätselten darüber, ob das bloß ein Tick sei oder ob ich vielleicht krank sei. Ich war krank. Schlaftabletten waren mein Problem. Erst 1992 würde Barbara meine letzte Packung aus dem Fenster ihrer Wohnung werfen.

Im Frühjahr 1987 konnte ich den Druck nicht mehr aushalten: Ich fing mit Schlafmitteln an – scheinbar ganz harmlos. Unser damaliger Davis-Cup-Arzt, Professor Joseph Keul, fragte uns irgendwann: „Probleme mit dem Schlafen?“ Die hat gelegentlich jeder Athlet. Um topfit zu sein, braucht man acht, neun Stunden Schlaf. Also probierten wir alle ein Medikament aus – Planum.

Über Jahre habe ich mit diesem Zeug gelebt. Zum Schluss bin ich mitten in der Nacht aufgewacht, weil die Wirkung nur noch drei, vier Stunden anhielt. Ich musste dann noch mal zwei Tabletten nachwerfen – die doppelte Dosis. Keiner wusste von der Chemie, die mich betäubte.

Zeitweise konnte ich ohne Schlafmittel überhaupt nicht mehr die Augen zumachen. Drei, vier Turniere in einem Monat, Jetlag, Stress, dann eine Woche frei. Die erste Nacht: Rückenlage, Bauchlage, linke Seite, rechte Seite – nur auf dem Kopf stand ich nicht bei der Suche nach der Köstlichkeit Schlaf. In meinen schlimmsten Phasen kam dann auch noch Whisky hinzu, der die Wirkung der Tabletten verstärkte.

Ich war wild entschlossen, mich aus dem sportlichen Tief von 1987 zu befreien. Ich wollte ganz nach oben, wieder gewinnen, und zwar um jeden Preis. Also suchte ich für jedes Problemchen ein Gegenmittel: gegen die schwache Vorhand zwei Stunden Vorhandtraining, gegen einen schwächeren Aufschlag hundert Aufschläge täglich. Gegen die Schlaflosigkeit gab es Planum, gegen Schmerzen ein paar andere Tabletten. Gegen das Alleinsein halfen Frauen, Whisky oder beides. Ich musste mein Turnierpensum reduzieren, weil ich zwischendurch Zeit brauchte, um mich ein wenig von den Tabletten zu lösen.

Die Nebenwirkungen der Schlaftabletten waren alles andere als erfreulich: Das Mittel machte mich melancholisch.

Wenn ich spielte, war ich am Anfang immer noch verpennt – so wie 1991 in Stockholm im Finale gegen Stefan Edberg. Erster Satz im Nebel, 3:6. Dann ein toller Fünf-Satz-Sieg. Und danach? Ich war tieftraurig, obwohl ich eigentlich vor Freude hätte singen müssen. Die Chemie der Tabletten hatte das Gespenst Depression lebendig gemacht.

Vor den Spielen musste ich natürlich die Dosis runtersetzen, es zumindest versuchen. Die Folge: Ich konnte überhaupt nicht mehr schlafen.

Es gab schlimme Nächte für mich, obwohl ich selten aus dem Ruder lief, in der Öffentlichkeit sowieso nicht. Es passierte immer in meinem Zimmer, wenn ich allein war. Meine Trainer haben das nie gemerkt. Ab zweiundzwanzig Uhr, nach dem Essen, habe ich mit Planum angefangen, zwei Heineken nachgelegt und, um die Wirkung zu verstärken, auch mal einen Whisky. Ich hatte gelesen, was Elvis Presley so alles an Psychodrogen im Leib hatte, als er starb. Seine Biographen sprachen von „russischem Roulette mit Drogen“. So weit war ich nie, aber in meiner schlimmsten Phase, von 1990 bis 1991, bin ich schon manchmal morgens aufgewacht und wusste nicht, wo ich war.


Boris nimmt seinen Sohn Noah gern mit zu Veranstaltungen wie hier beim Formel-1-Rennen auf dem Nürburgring


Das Wimbledon-Finale gegen Stefan Edberg 1990 hätte ich buchstäblich fast verschlafen. In der Nacht vor dem Match nahm ich eine Dosis, aber um vier Uhr morgens war ich trotzdem noch wach. Das Training war für elf Uhr angesetzt, also hatte ich noch Zeit für einen Planum-Nachschub. Um halb elf wachte ich auf, benommen wie immer, und das am Tag des Wimbledon-Finales! Also runter in den kleinen Garten vor dem gemieteten Haus, joggen, joggen: „Mach den Kopf frei, Junge, lauf dir die Chemie raus!“
Zum Training kam ich zu spät, das Match begann ich wie ein Schlafwandler – nicht auf Wolke sieben, sondern mittendrin, völlig verhangen. 2:6, 2:6. Dann erwachte ich endlich, auf dem Centre Court von Wimbledon. Good Morning, ihr Briten! Ich gewann die nächsten beiden Sätze und verlor dann doch alles, auch den Schlaf der folgenden Nacht.

Mit der Geburt meines ersten Sohnes Noah war der Spuk ganz vorbei. Ich hatte jetzt einen wunderbaren Grund, wach zu bleiben, wollte mich nicht mehr in den Schlaf flüchten, musste nicht mehr diese Seele und Herz zerreißende Einsamkeit bekämpfen. Noah hat mich befreit.

Ein paar spezielle Matches, nämlich die mit mir selbst, musste ich damals auch noch so nebenbei austragen. Albträume, Schlafstörungen, Jetlag, Mattigkeit nach langen Interkontinentalflügen – wer kennt das nicht? Bei mir, dem großen Blonden, der scheinbar unerschütterlich auf den Platz stolzierte, kam noch Verschiedenes oben drauf. Vor allem plagte mich seinerzeit Klaustrophobie. Im Flugzeug vermied ich den Blick aus dem Fenster auf die Wolken oder auf schneebedeckte Bergspitzen und ließ mir immer einen Platz am Gang geben.

Eingeengt zu sein war für mich ein fürchterliches Gefühl. Ich musste mich dann mächtig zusammenreißen, um nicht auszuflippen. Einmal passierte mir das nach einem Konzert der drei Tenöre Luciano Pavarotti, Plácido Domingo und José Carreras im Münchner Olympiastadion. Nach dem Auftritt trafen Barbara und ich die Sänger hinter der Bühne. Gemeinsam wollten wir in ein Großraum-Restaurant gehen, in dem sich tausend geladene Ehrengäste trafen, sozusagen die engsten Freunde. Wir standen ungefähr zu zehnt im Fahrstuhl des Olympiastadions – der Dirigent, die Sänger, Ehefrauen, Freundin. Da blieb der Fahrstuhl stecken! Nicht zwei Minuten, sondern eine halbe Stunde. Auf Grund meiner Länge hatte ich oben Luft und Platz. Domingo, meine Frau, Pavarotti, alle hielten Händchen und hofften, dass es bald vorbei sei. Plötzlich fing Pavarotti an, das „Ave Maria“ zu summen. Ich sagte nichts, sondern kümmerte mich um mein eigenes kleines Leben. Ich wollte nicht ausrasten.

Allein der Gedanke daran, was wohl mit mir passieren würde, wenn nicht bald jemand kam, machte mich fast wahnsinnig. Die Tenöre stimmten ein Lied an, noch eins, und alle summten mit. Angst mit Arien, ein unglaublicher Augenblick. Dann ein Rucken, ein Zucken – die Rettung. Unser Fahrstuhlkonzert war beendet.


Der geschlagene Held: Boris Becker verlor am 8. Juli 1990 das Wimbledon-Finale gegen Stefan Edberg. Was die Zuschauer nicht ahnten: Becker stand beim Match unter Einfluss des Schlafmittels Planum

Lesen Sie morgen:
Mein schwerster Verlust – so starb mein geliebter Vater

Lindsayfan 11-04-2003 10:34 PM

Re: Boris Becker's Biography
 
oh my Lord,may someone be so nice to translate in english the most interesting parts?thanks! :kiss:
Unfortunately i do speak only 3 languages and german isnt among them :p

DiNaPic 11-05-2003 09:10 AM

Re: Re: Boris Becker's Biography
 
Quote:

Originally Posted by Lindsayfan
oh my Lord,may someone be so nice to translate in english the most interesting parts?thanks! :kiss:
Unfortunately i do speak only 3 languages and german isnt among them :p

Regret I cannot translate all that, but you might try
http://babelfish.altavista.com/tr

you can paste complete passages for computer translations (result might not allways be perfect English)

good luck!

DiNaPic 11-05-2003 09:12 AM




BILD-Serie, Teil 3: Boris Becker erzählt zum ersten Mal, wie sehr er unter dem Tod seines Vaters Karl-Heinz († 63) gelitten hat
Ich konnte nicht mehr weinen, nicht mehr sprechen

Boris Becker (35) spricht Klartext. In seiner Autobiografie „Augenblick, verweile doch...“ beschreibt er Abgründe, Glück und Schattenseiten seiner traumhaften Sportler-Karriere. BILD druckt exklusiv Auszüge aus dem fesselnden Buch vorab. Heute: Der Tod des geliebten Vaters.


Ich stand vor ihm, er lag da, aber es gab ihn nicht mehr. Mein Vater. Der Mann, der vor mir aufgebahrt war. An diesem Tag im April 1999 erschien er mir wie ein Fremder. Ein Hosenbein seines Anzugs war über den rechten Knöchel gerutscht, und ich konnte auf der Haut einen Schriftzug erkennen – Becker. Mit blauem Filzstift geschrieben.

Ich zog die Hose über seinen Knöchel und küsste meinem Vater die Stirn. Ich erlebte zum ersten Mal den Tod eines Menschen, den ich von Herzen geliebt hatte.

Eine traumatische Stunde. Gibt es so etwas wie Wiedergeburt, Wiederauferstehung? Kein Trost für mich, selbst wenn es so sein sollte. Dies war Abschied. Ich konnte nicht mehr weinen, nicht mehr sprechen. Mein Vater ist nur vierundsechzig Jahre alt geworden. Und nie wieder werde ich mich an ihm reiben, mit ihm streiten können, bis die Mutter als Friedensengel einschreitet: „Karl-Heinz – lass den Jungen!“

Ich war drei oder vier Jahre alt, als ich mir aus dem Kofferraum des Autos einen Tennisschläger meines Vaters geholt und Bälle gegen die Wand im Tennisclub geschlagen habe – oder auch gegen die Rollläden unseres Hauses, stundenlang. Mein Vater flüsterte meiner Mutter zu: „Der ist nicht ganz sauber“, was außerhalb Baden-Württembergs so viel bedeutet wie: „Der hat einen Knall.“ Mein Vater hat mich am Kragen gepackt und vom Platz gezogen, wenn ich in einem Match bei den Clubmeisterschaften in Leimen mal wieder ausrastete. Ich glaube, ich war zehn oder elf. Er hat mich verprügelt, weil ich ihn mit dem Hitler-Gruß provozierte. Meine Mutter hat meinen Vater stets mit dem Argument verteidigt, er sei eben „ein wenig rustikal“. Er hat Barbara in den Arm genommen, ohne Wenn und Aber, sie lieb gehabt und mir in unserem letzten Gespräch zugeflüstert: „Beschütze deine Familie.“

In unserem Haus wurden keine rassistischen Witze erzählt, weder über Juden noch über Schwarze. Mein Vater liebte die Musik von Louis Armstrong und George Gershwin – und seine Frau, mit der er zweiundvierzig Jahre verheiratet war. Er war ein loyaler Mann, Leimen und seinen Freunden verbunden. Drei Jahrzehnte lang trat er jeden Freitagabend im Doppel an. Gegen mich hat mein Vater selten Tennis gespielt. Stattdessen habe ich Bälle mit Sabine geschlagen, meiner vier Jahre älteren Schwester.

Ion Tiriac ist für meinen Vater bis zum Schluss ein Held gewesen, und er hat sich in Ion nicht getäuscht. Eine Stunde vor der Beerdigung klingelte es an unserer Tür:
Ion Tiriac. Eine Selbstverständlichkeit für ihn, aber auch für die Familie. Für mich hatte sich der Kreis geschlossen: Vor fünfzehn Jahren hatte Ion schon mal bei meinen Eltern geklingelt. Er wollte Boris Becker unter Vertrag nehmen, das Tennistalent.

Mein Vater war für mich als Junge die Autorität. Ich habe seine konservative politische Meinung nicht geteilt, aber seine liberale Grundeinstellung geschätzt. Gleich, ob ich als Zehnjähriger in London im Nation Cup spielte (übrigens meine erste Auslandsreise) oder in Wimbledon siegte – die Einstellung meiner Eltern mir gegenüber hat sich nie verändert, der Alltag bei uns blieb, wie er immer war. Halb eins Mittagessen, halb sieben Abendessen. Fünf Minuten verspätet? Dann gab es kein Essen mehr. Zucht und Ordnung wurden groß geschrieben. Um die Erhöhung von fünf auf sechs Mark Taschengeld musste ich hart feilschen. Diskussionen, die meinem Vater missfielen oder für die ihm die Argumente fehlten, brach er einfach ab: „So isses.“ Für mich war das eine Art Diktatur. Ich habe ihm das klar gesagt, und gelegentlich hat er dann ausgeholt – keine sehr christliche Geste. Dennoch musste ich am Sonntag um halb elf in die Kirche. Damals trugen viele meiner Kumpels Ohrringe, so wie McEnroe und Agassi heute. Ich wollte auch einen haben, aber das war mit meinem Vater nicht zu machen.

Ich habe über die Jahre oft mit meinem Vater gestritten. Häufig fiel dann monatelang kein Wort zwischen uns. Er hatte sich Rechte angemaßt, die ihm, wie ich fand, auch als Vater nicht zustanden.


Er gab gerne Interviews und hat Autogramme geschrieben, obwohl meine Mutter ihn mahnte: „Der Boris mag das nicht.“ Oder er sprach mit dem Fernsehen meine Jubelfeier in Leimen ab, obwohl ich ihm gesagt hatte, dass ich das nicht wollte. Ich musste dann mitmachen, damit er nicht das Gesicht verlor. Nach der ersten Feier dieser Art habe ich ihn gewarnt: „Papa, das war schön und gut, aber bitte nicht noch mal.“ Von jedem herumgereicht zu werden war das Letzte, was ich nach einem Wimbledon-Sieg erleben wollte. Aber ich hatte meinen Vater unterschätzt.


Boris nimmt seinen Sohn Noah gern mit zu Veranstaltungen wie hier beim Formel-1-Rennen auf dem Nürburgring


Nach dem Sieg 1986 arrangierte er erneut eine Jubelfeier in Leimen.


„Schluss: Ich werde nach diesem Tag ein halbes Jahr nicht mehr mit dir reden.“ Er hat es nicht geglaubt, aber ich habe es durchgehalten. Die Feier habe ich dann doch mitgemacht. Meine Mutter hatte mich gedrängt: „Junge, mach’s, bitte, sonst müssen wir wegen dieser Peinlichkeit die Stadt verlassen!“


Hin und wieder habe ich meiner Mutter ein Problem anvertraut. Sie hat es meinem Vater nicht weitererzählt, weil sie wusste: „Er schwätzt so gern.“ Er hat das alles nicht böse gemeint, der Stolz auf den Sohn hat ihn über die Grenzen des Vertrauens hinweggetragen. Er war immer bereit, sich ins Bild zu stellen, sobald er eine Kamera sah – vielleicht werde ich mich ähnlich verhalten, wenn meine Kinder Erfolg haben.

Ich habe oft über Monate nicht zu Hause angerufen, ich wollte mein Leben selbst meistern, ich musste es schließlich. Mein Vater hat nie Geld von mir erwartet, ein entsprechendes Angebot empfand er als Beleidigung. Irgendwann konnte ich ihn überzeugen, von einem Dreihunderter auf einen Mercedes fünfhundert umzusteigen – ein Geschenk von mir. Meiner Mutter auch nur eine Uhr kaufen zu dürfen erforderte größere Geduldsarbeit. Wenn ich sie zu Turnieren einlud, gab es manches Mal Diskussionen zwischen meinen Eltern. Sie: „Wir fliegen Economy.“ Er: „First Class.“ Mein Vater war von der Welt da draußen fasziniert wie ein Kind von Nintendo-Spielen. Meine Mutter, diese bodenständige Frau, hat das eher irritiert.
Wenn ich heute daran denke, dass ich meinen Vater kurz vor seinem Tod noch einmal sprechen konnte, dann erscheint mir das nicht als Zufall, sondern als eine Fügung.

Wir waren zu dritt im Zimmer, meine Mutter, mein Vater und ich. Ich habe erzählt, vom Tennis, von Reisen, von Freunden, Projekten, Noah, der zweiten Schwangerschaft. Irgendwas, nur reden. Ich musste die Zeit überbrücken. Er wusste, dass es zu Ende ging.

Als wir ihn auf einem Stuhl aus dem Schlafzimmer an den Esstisch getragen hatten, an dem er noch einmal sitzen wollte, hat mein Vater auf die Fotos in den Silberrahmen geschaut, die auf einer Kommode im Esszimmer stehen: Sabine und Ehemann Mathias, Sohn Vincent, Barbara, Noah, ich.


Er hat das alles noch wahrgenommen, aber er hatte abgeschlossen. Ich hatte das Gefühl, er wollte nicht mehr. Meine Mutter und ich haben ihn gestützt und ihn im Wohnzimmer auf die Couch gelegt. Der Krankenwagen kam eine Stunde zu spät. Ich saß meinem Vater gegenüber, er sah mich an, aber er sprach nicht mehr. Es war die längste Stunde meines Lebens.

Mir war klar: Wenn der Krankenwagen kommt, verlässt der Papa dein Dasein. Die Sanitäter schoben ihn in die Ambulanz, er hob einen Arm, ein letztes Mal. Meine Mutter war gefasst. Sie wusste seit einem dreiviertel Jahr, dass er sterben würde. Die Chemotherapie hatte das Ende aufgeschoben, aber den Krebs nicht besiegt. „Er kommt nicht zurück, stell dich darauf ein“, sagte sie – eine tapfere Frau.


Lesen Sie morgen:
Wie Boris Becker in den USA mit Nutten und Dealern abgeschoben wurde

DiNaPic 11-06-2003 07:48 AM



Neue Serie in BILD: Boris Becker spricht Klartext, Teil 4

Ich war eingesperrt – ohne Pass und Kontakt zur Außenwelt

Boris Becker (35) spricht Klartext. In seiner Autobiografie „Augenblick, verweile doch...“ beschreibt er Abgründe, Glück und Schattenseiten seiner traumhaften Sportler-Karriere. BILD druckt exklusiv Auszüge aus dem fesselnden Buch vorab. Heute: Mein größtes Abenteuer.


Endlich Ferien, endlich Weihnachten mit den Kindern. Ich hatte fast den ganzen Flug von Frankfurt nach Miami verschlafen.

Am Abend vorher hatte ich ein kleines Fass aufgemacht und mit meinen Freunden in München Abschied gefeiert von diesem ganz und gar unerfreulichen Jahr.

Im „P1“, der Münchner In-Disco, waren schon die Lichter ausgegangen, als wir gingen. Wir hatten ordentlich einen drauf gemacht.

„Auf die Freiheit“, war die Parole, „Champagner und Wodka für alle!“

Der Kater saß mir noch tief in den Knochen, und irgendwie habe ich überhaupt nicht verstanden, was dieser Officer am Immigration Pult von mir wollte. Ich hatte ihm wie immer meinen Pass gezeigt, freute mich auf die Kinder, die mit Barbara hinter der Tür auf mich warteten.

Der Mann aber bedeutete mir, dass ich mich an die weiße Wand neben seinem Tisch stellen solle.

Verdutzt befolgte ich die Anweisung. Die First-Class-Gäste waren längst durch, auch die Business-Klasse war abgefertigt, jetzt kam die Touristen-Klasse. Und ich stand immer noch an der Wand – wie bestellt und nicht abgeholt.

Endlich, nach mehr als einer halben Stunde, kam ein weiterer Uniformierter und forderte mich auf, ihm zu folgen.



„Was um alles in der Welt ist denn los? Was hab ich denn jetzt schon wieder gemacht?“, dachte ich. Ich wusste keine Antwort.

„Ich muss Sie jetzt verhören. Bitte nehmen Sie Platz“, sagte der Mann kalt und bot mir einen Holzstuhl in seinem spartanisch eingerichteten Büro an.

„Ich weise Sie darauf hin, dass Sie die Wahrheit sagen müssen. Wie heißen Sie?“ Das hatte ich das letzte Mal im Oktober in München vor Gericht gehört. Jetzt aber war ich in Miami – und meine Kinder warteten hinter der Tür.

Ich bin in meinem Leben schon oft in brenzligen Situationen gewesen. Deshalb habe ich mir angewöhnt, in solchen Momenten ruhig zu bleiben.


Barbara Becker (37) mit ihrem kleinen Sohn Elias Balthasar (4)


Und wer schon einmal Kontakt mit amerikanischen Behörden hatte, der weiß, dass man jede Emotion unterdrücken sollte.

Gebetsmühlenartig leierte ich meine Antworten herunter. „Ich heiße Boris Becker, lebe in München, war früher Tennisspieler, heute bin ich Geschäftsmann, und ich will meine Kinder besuchen.“ Das ganze Prozedere dauerte eine weitere gute Stunde. Immer wieder versuchte ich herauszufinden, was los war und warum ich hier wie ein Krimineller verhört wurde.

Als Antwort bekam ich aber immer nur neue Fragen.

Endlich griff der Typ zum Telefonhörer. Ein paar Minuten später kam sein Vorgesetzter herein. Der erkannte mich und sprach mich mit freundlicher, sonorer Stimme an. „Herr Becker, Sie haben ein Problem. Sie haben kein Visum.“ – „Ein Visum? Ich bin in den letzten zehn Jahren immer ohne Visum in die USA eingereist!“

„Jetzt sind Sie aber vorbestraft. Und als Vorbestrafter benötigen Sie ein Visum.“

Das war es also. Die hatten mein Steuerurteil im Computer. „Aber vor ein paar Wochen bin ich auch ohne Visum eingereist. Da gab es keine Probleme!“ – „Das hätte nicht sein dürfen. Da wurde hier ein Fehler gemacht.“

Die Stimmung wurde wieder kühler. „Und wie geht es jetzt weiter?“ – „Sie müssen mit der nächsten Maschine zurück nach Deutschland. Ohne Visum kommen Sie nicht rein.“ – „Was!?! Das ist nicht Ihr Ernst!“

Ich durfte Barbara vom Diensttelefon aus anrufen, Handy war verboten. Sie fiel aus allen Wolken. Inzwischen war es fast siebzehn Uhr. Seit drei Stunden hatte sie mit den Kindern draußen gewartet.
Den Beamten selbst war es inzwischen auch peinlich. Früher habe man sich in solchen Fällen für hundertzwanzig Dollar ein Visum am Flughafen ausstellen lassen können, aber seit dem 11. September gebe es keine Ausnahmen mehr, auch nicht für mich.

Sie suchten mir einen Flug mit der Air France heraus. Um Mitternacht! Mein Gepäck ließ die Lufthansa freundlicherweise zu Barbara nach Fisher Island bringen, und ich wurde in den Abschieberaum verfrachtet, als illegaler Einwanderer.

Stickige Luft, Schweißgeruch, kein Fenster. Venezolaner, Kolumbianer und ein paar Nutten aus Bogotá warten da auf ihre Ausweisung – und Mister Becker mittendrin.

Ich schaue auf den Boden, ich schaue in die Luft, und ich schaue in die verängstigten Gesichter der Menschen um mich herum. Allmählich beginne ich mich mit der Situation zu arrangieren.

Mein Schicksal ist ja noch zu ertragen, aber was würde diese Menschen erwarten, wenn sie wieder in ihrer Heimat landeten? Gefängnis, Schläge, womöglich Folter?

Ich war hundemüde, meine Klamotten rochen inzwischen genauso wie der Raum.

Keine Zeitung, kein Fernseher, nur eine einzige Cola. Sieben Stunden Abschiebehaft. Festgehalten, eingesperrt, ohne Pass und Kontakt zur Außenwelt, wie der Dealer aus Medellín mir gegenüber oder der Schmuggler aus Costa Rica drüben, in der dunklen Ecke des Raumes.

Gegen 22 Uhr kommt ein Federal Officer und setzt sich zu mir. Ein Baum von einem Mann.

Er ist Tennisfan, kennt meine ganze Lebensgeschichte. Wir unterhalten uns. Er lebt gerade in Scheidung. Er ist ein Fremder, wird aber innerhalb von einer Stunde zum Freund. Wir tauschen unsere Telefonnummern aus.

Es ist diese Atmosphäre, das Warten wie auf eine Hinrichtung, was fremde Menschen plötzlich seltsam tief verbindet.

Jetzt vergeht die Zeit wie im Flug. Um 23.30 Uhr bringt mich mein neuer uniformierter Freund zur Air-France-Maschine. Diskret steckt er dem Kapitän meinen Pass zu. Den darf ich erst in der Luft wiederbekommen, wenn sicher ist, dass der unerwünschte Eindringling tatsächlich das Land verlassen hat.

Ein letzter, fester Händedruck, ein freundliches Lächeln – der Officer verschwindet im schummrigen Licht.

Der Purser in der First Class lacht mich freudestrahlend an. „Herr Becker, wollen Sie Ihren Champagner und Kaviar vor dem Abflug oder erst in der Luft?“ Goodbye, Albtraum – willkommen in der Realität eines Wimbledon-Siegers. „Ich nehme den Champagner sofort, Kaviar später.“

Champagner? Kaviar? Wenn es nach einem Staatsanwalt in München gegangen wäre, hätte man mir besser Wasser und Brot servieren sollen.

Der Job dieses Mannes bringt es mit sich, Menschen hinter Gitter zu bringen; für mich hatte er dreieinhalb Jahre vorgesehen.

Lesen Sie morgen: Die Jagd auf Boris Becker

Lindsayfan 11-06-2003 09:25 AM

Re: Boris Becker's Biography
 
can u put on evidence at least the most important parts?I cant use babelfish for the whole thing or it will take 1 eternity!can u evidence the best parts in german so i can translate just them?thanks!

DiNaPic 11-07-2003 08:09 AM

BILD-Serie: Boris Becker spricht Klartext, Teil 5
So brutal jagte mich die Steuerfahndung

Von BORIS BECKER

Boris Becker vor seinem schwersten Match: Am 23. Oktober 2002 stand er wegen Steuerhinterziehung vor dem Gericht in München


Boris Becker (35) spricht Klartext. In seiner Autobiografie „Augenblick, verweile doch...“ beschreibt er Abgründe, Glück und Schattenseiten seiner traumhaften Sportler-Karriere. BILD druckt exklusiv Auszüge aus dem fesselnden Buch vorab.


Die Sache begann in der Woche vor Weihnachten 1996 zu eskalieren. Ich hatte kurz zuvor in München den Grand Slam Cup gewonnen und für vier siegreiche Matches zwei Millionen Dollar Preisgeld kassiert.


Boris Becker vor seinem schwersten Match: Am 23. Oktober 2002 stand er wegen Steuerhinterziehung vor dem Gericht in München


Die Medien rechneten meinen Minutenlohn für den Finalsieg mit 19 578 Dollar aus.

BILD freute sich über das „Weihnachtsgeld für Boris“, und überall war nachzulesen, dass ich im abgelaufenen Jahr allein 4 312 007 Dollar an Preisgeldern verdient hatte; damit habe sich mein Karriere-Preisgeld auf 28 692 014 Dollar erhöht.

Mal Hand aufs Herz, lieber Leser: Wären Sie da nicht auch ein bisschen neidisch geworden?

Jede Minute habe ich im Finale gegen den Kroaten Goran Ivanisevic bei dem Turnier in der Olympiahalle den Gegenwert eines Mittelklasse-Wagens verdient. Dreiundachtzig Autos an einem Sonntagnachmittag! Bei den Steuerfahndern, die mich seit 1991 im Visier hatten, müssen diese
Zahlen wie Stiche ins Herz gewirkt haben.

Es waren noch vier Tage bis Weihnachten. Ich genoss die warme Sonne Miamis und spielte vor unserer Wohnung auf Fisher Island Basketball mit Freunden.

Da bekam ich einen Anruf meines Anwalts Axel Meyer-Wölden. „Boris, bleib jetzt ganz ruhig, die Steuerfahndung ist in deinem Haus. Die brauchen den Code für
deinen Tresor.“

Ich spürte, dass es jetzt ans Eingemachte ging, dass die mich fertig machen wollten. Neid und Missgunst sind die größten Plagen unserer Gesellschaft in Deutschland, und ich hatte zu viel Erfolg. Eine hübsche Frau, einen gesunden Sohn, Erfolg im Beruf, Ruhm und Ehre, Anerkennung in der Gesellschaft und mal so eben noch zwei Millionen vor Weihnachten – das reichte.

Und als ich im Januar das Ausmaß der Durchsuchung überblickte, feststellen musste, dass sie sogar Nacktfotos von meiner damals schwangeren Frau mitgenommen hatten, wurde mir schlagartig klar: „Die wollen dich verknacken.“

Mein innerer Frieden war dahin, meine Privatsphäre zerstört. (...)

Bis zur Hausdurchsuchung 1996 hatte ich neunundvierzig Turniere gewonnen, zweimal für Deutschland den Davis Cup geholt und zusammen mit Michael Stich Doppel-Gold bei Olympia in Barcelona erkämpft. Seit diesem 19. Dezember 1996 habe ich kein Turnier mehr gewonnen.

Die Angst vor dem Ungewissen, vor der dunklen Bedrohung hatte begonnen, meine Seele und mein Selbstbewusstsein aufzufressen.

Um einen Matchball im Finale zu verwandeln, brauchst du verdammt viel Selbstbewusstsein. 1997 habe ich dann in Wimbledon für mich ganz persönlich aufgehört. Ich sah keinen Sinn mehr darin, irgendwelchen Tennistiteln hinterher-zujagen, während der deutsche Staat mein eigentlicher Gegner war.

Eineinhalb Jahre später kam der nächste Schlag. Am 28. Juli 1998 schlugen die Fahnder in ganz Deutschland zu, bei Freunden, bei Vertrauten, bei meinen Eltern – bei allen gleichzeitig, Punkt neun Uhr morgens.

Eine Ex-Freundin wurde zwei Stunden lang verhört.

Eric Jelen, meinen Tennis-Kumpel, haben die Fahnder auf der Autobahn gestoppt und gezwungen, in seine Wohnung zurückzufahren – zur Hausdurchsuchung.

Ich schämte mich gegenüber meinen Freunden, fühlte mich wegen dieses völlig überzogenen staatlichen Einbruchs in deren Privatsphäre schuldig.

Aus dem Bücherregal meiner Mutter haben sie jedes Werk gegriffen und keine Rücksicht auf meinen todkranken Vater genommen.

Den wegen seines dramatischen Gesundheitszustands erforderlichen Termin für die Chemotherapie musste er wegen der Hausdurchsuchung absagen. Geschwächt litt er auf dem Sofa und sah hilflos zu. Küche, Keller, Mercedes – sie haben alles durchstöbert.

Meine Mutter, die noch am nächsten Tag vor Aufregung zitterte, bemerkte, dass die Fahnder den Aschenkasten unter dem Kamin nicht durchsucht hatten, und wies einen der Beamten auf dieses unverzeihliche Versäumnis hin: „Den sollten Sie nicht vergessen – wer weiß, welche Akten darin versteckt sind!“
In den Wochen vor dem Prozess war ich quer durch die Welt gereist. Ich schlug John McEnroe bei einem Schaukampf in New York, besuchte wieder meine Kinder in Miami, spielte mit Michael Jordan ein Charity-Golfturnier auf den Bahamas und unternahm eine zehntägige Geschäftsreise nach China. Bloß nicht nachdenken.

Noch „four to go“, noch „three to go“. Ich strich die Wochen ab wie ein Gefangener in der Zelle.

Angst und Nervosität hatten mich fest im Griff. Jetzt aber, an diesem Mittwochmorgen, war ich ganz ruhig. Ich war bereit für das Match, bereit für den Fight, egal, was kommen würde.

So war es bei mir immer gewesen: Wenn es dann endlich so weit war und ich den Court betrat, war ich ruhig, die Nervosität war verflogen. „Ready to go.“

„Zum Aufruf kommt die Strafsache gegen Boris Becker“, beginnt die Richterin das Match.

Nachdem meine Personalien geklärt sind, verliest Staatsanwalt Musiol die Anklage. Er steht mir sechs Meter gegenüber. Eigentlich nicht unsympathisch, der Typ.

„Boris Becker hat eine Wohnung in der Gaußstraße zur Verschleierung von seinen Eltern anmieten lassen. Dort hat er sich Ende 1991 an neunundfünfzig Tagen, 1992 an achtzig Tagen und 1993 an fünfundneunzig Tagen aufgehalten. Sein im Ausland erzieltes Einkommen hat er aber weiterhin als in Deutschland nicht zu versteuern angegeben und damit dem Fiskus rund 3,08 Millionen Mark an Einkommenssteuer – und weitere
vierhundertachtzigtausend Mark an Vermögenssteuer entzogen.“ So die Anklage.

Zwanzig Minuten lang ließ die Richterin Huberta Knöringer, eine resolute, aber gerechte Vierundfünfzigjährige, mich über mein Leben erzählen, von Leimen über Wimbledon bis Miami.

Dann machte sie eine Anmerkung, die die Stimmung im Saal plötzlich gefrieren ließ: Es habe Vorgespräche mit Staatsanwaltschaft und Verteidigern über die Eckdaten der Strafzumessung gegeben, aber eine Einigung sei nicht erzielt worden. Die Vorstellungen über das Strafmaß gingen einfach zu weit auseinander.

Wochenlang hatten die Medien von einem abgesprochenen Deal berichtet. Der Prozess sei nur eine Show für die Öffentlichkeit, alles im Hintergrund längst abgesprochen.

Von wegen! Jetzt merkte auch der letzte Journalist unter den einhundertsechsunddreißig Prozess-Beobachtern, dass es bitterernst war, dass es hier für mich wirklich um Freiheit oder Gefängnis ging. Ein Raunen ging durch die Reihen. Und als die Richterin fragte, wer denn nun Stellung beziehen wolle zur Anklage, sagte ich: „Das mache ich selbst.“

Mir war, als ruhten Millionen von Blicken auf meinem Gesicht, während ich meine Erklärung verlas.

„Das Steuerverfahren gegen mich dauert nun schon seit sechs Jahren. Und die Steuerfahndung ermittelt bereits seit zehn Jahren. Herausgekommen ist dabei nicht viel. Die Anklage wirft mir vor, ich hätte eine Wohnung in München verschwiegen. Demnach hätte ich 1992 und 1993 zu wenig Steuern bezahlt. Das ist alles.

Man wirft mir nicht vor, man kann mir auch nicht vorwerfen, dass ich Einnahmen verschwiegen hätte, dass ich Geld versteckt hätte, dass ich Schwarzgeld angenommen hätte oder dass ich andere kriminelle Machenschaften dieser Art begangen hätte.

Ich habe die Beträge, um die es jetzt geht, alle vollständig erklärt. (...)

Mit einer Wohnung in München wäre ich in Deutschland unbeschränkt steuerpflichtig und hätte alles Geld, das ich irgendwo auf der Welt verdient habe, in Deutschland versteuern müssen. Darum geht es und um sonst nichts.

(...) Der einzige Punkt der Anklage, über den man streiten kann, ist die Frage, ob ich eine Wohnung (in München) hatte. Ich will dar-über nicht streiten und erkläre noch einmal, dass ich damals schon wusste, dass man das so sehen kann und dass ich das in Kauf genommen habe.“

Um neun Uhr einunddreißig verliest die Richterin im Sitzungssaal A 101 des Landgerichts München I das Urteil, „Im Namen des Volkes“.

Endlos lang, mit Tausenden von Begründungen, so kommt es mir zumindest vor. „War das jetzt o. k., was sie gesagt hat?“, frage ich vorsichtig. „Ja, das war o. k.“, antwortet mein Steuerexperte Dr. Weigell. Was aber heißt o. k.: Freispruch? Bewährung?

„Zwei Jahre auf Bewährung und dreihunderttausend Euro Geldstrafe“, sagt Professor Volk, mein Verteidiger, „aber Sie verlassen das Gericht als freier Mann.“

Ich gab allen die Hand, der Richterin, den Schöffen, selbst dem Staatsanwalt. Er hatte sein Bestes gegeben. Beim Tennis gratuliert man auch dem Unterlegenen für ein gutes Match. Während Robert Lübenoff, mein PR-Beauftragter, und die Anwälte vor dem Saal mit den Presseleuten sprachen, stahl ich mich hinten raus, ab ins Auto und raus aus dem Gericht.

Aus dem CD-Player dröhnt der Tupac-Song „Me against the world“. Tränen laufen mir übers Gesicht. Es sind Tränen der Freiheit. Jetzt heißt es wieder: „Aufschlag Boris Becker.“

Lesen Sie morgen: Meine große Liebe Babs – so fing alles an


Hochzeitskuss im Schlosshotel zu Leimen am 17. Dezember 1993: Barbara und Boris Becker kurz nach ihrer Trauung.

DiNaPic 11-08-2003 10:53 AM

Die große Boris-Becker-Serie, Teil 6
So begann meine große Liebe zu Barbara

Von BORIS BECKER

Sie hat schon die Lockenwickler drin, am nächsten Morgen muss sie mit dem Zug zur Modenschau nach Salzburg. Aber ihre Freundin Sophie überredet sie, sich wieder anzuziehen – allein will sie nicht auf die Einladung in das „Café Reitschule“ in München-Schwabing. Zufällig bin ich auch dort. Ich beobachte sie, sie isst und spricht kein Wort.

Bei der ersten Gelegenheit setze ich mich neben sie, nippe ungefragt an ihrem Bierglas, sehe ihr in die Augen und sage: „Eigentlich müssen wir jetzt nicht mehr reden – es ist alles klar.“ Einen so blöden Spruch, antwortet sie, habe sie noch nie gehört. Es ist der 1. Oktober 1991.

Sie ist schön und schwarz – Barbara Feltus. Die Freunde gehen, wir wollen bleiben. „Gehen wir zu mir oder zu dir?“ Zu ihr wäre mir lieber, denn ich wohne im Hotel Raphael. „Noch so ein blöder Spruch“, antwortet sie. Dabei habe ich nichts Verwerfliches im Sinn. Ich will nur nicht mit ihr auf irgendeiner Klatschseite landen. An eine Beziehung denke ich gar nicht im Moment. Auch wenn ich auf der Suche nach Privatleben bin. Sie will in die Bar „Schumann’s“ – auf neutrales Territorium, wie sie das nennt. Ich trinke Orangensaft, sie Whisky. Ihr Zug fährt um sechs Uhr, mein Abflug nach Tokio ist einige Stunden später. Menschen begegnen uns, auf dem Weg zur Frühschicht irgendwo.

Vor Barbaras Wohnungstür biete ich ihr an: „Ich komm mit rauf und helf dir beim Packen.“ – „Ich weiß, wie dieses Packen aussieht.“

Ich bitte sie um ihre Telefonnummer. Sie soll sie zweimal aufschreiben, ich will sie nicht verlieren. Waldemar Kliesing, mein Physiotherapeut, sitzt in der Maschine nach Tokio neben mir. „Waldemar“, sage ich, „ich fürchte, vor einigen Stunden habe ich meine künftige Ehefrau getroffen.“ „Du spinnst“, meint er.

Aus Tokio rief ich sie jeden Abend an und erzählte ihr Geschichten, beispielsweise, mit welcher Frau ich in der Nacht in der Disco war – völlig bescheuert. In Wahrheit hockte ich vor dem Fernseher und träumte von ihr. „Deine Märchen“, hörte ich durchs Telefon, „kannst du dir sparen und die Telefonkosten auch.“ Punkt.

Leute, die eine Chance bei mir haben wollen, müssen hart diskutieren und mich von meinem Unrecht überzeugen können, oder sie müssen „nein“ sagen können – so wie Barbara damals.

Zwischen den Turnieren in Tokio und Stockholm sah ich sie in München wieder. Zu unserer zweiten Verabredung kam sie geschlagene neunzig Minuten zu spät. Ich wartete – sie war die Frau, die ich haben wollte. Aber Zärtlichkeiten hat es in jenen Tagen nicht gegeben. Ich siegte in Stockholm und war verzweifelt: Barbara war in München und ich allein in dieser Stadt, einsam am Wasser mit Regen und Nebel. Sie arbeitete in den folgenden Tagen in Frankfurt, wieder eine Modenschau.

Sie wohnte in einer Pension, teilte ihr Zimmer mit einem anderen Model – also kein Ort, um sich näher zu kommen. Wir beschlossen, nach Wiesbaden zu fahren, dort war am folgenden Tag eine zweite Modenschau.

Auf der Autobahn verlor ich dann die Geduld – Blinker raus, rechts ran – und küsste sie das erste Mal, an einem Tag im November. Im Autoradio lief „Black Cat“ von Janet Jackson. Barbara, die selbst Sängerin ist, erinnert sich bis heute an die Melodie.

Vor dem Penta-Hotel in Wiesbaden steigt Barbara aus, geht zum Empfang und reserviert ein Doppelzimmer für Harry Hartel und Frau Sabine – oder war es Susi? Wir checken ein. Ich verstecke dabei meine Schläger unter dem Mantel, im Auto kann ich mein Handwerkszeug nicht lassen. Sonnenbrille auf, Mütze ins Gesicht. „Wie zahlen die Herrschaften?“, fragt der Mann am Empfang Barbara. Ich stehe hinter ihr, ziehe ohne nachzudenken meine Kreditkarte und reiche sie über den Tresen. Natürlich ist „Boris Becker“ in die Karte eingeprägt. Der Empfangsherr blickt kurz drauf, verzieht keine Miene und sagt: „Willkommen, Herr Hartel, einen schönen Aufenthalt bei uns.“ Seine Wünsche sind in Erfüllung gegangen – es war meine erste Liebesnacht mit Barbara. Dem Gentleman hinter dem Hoteltresen sei wegen seiner Diskretion gedankt.

In den Wochen vor Weihnachten war ich absolut sicher: Barbara ist die Frau, meine Frau. In einem McDonald’s unweit der Hohenzollernstraße in München machte ich ihr den ersten Heiratsantrag. Sie erklärte mich für verrückt.
Meine Eltern haben von unserer Liebe – wie Millionen von Deutschen auch – zuerst aus BILD erfahren.

Im November 1992 siegte ich in Bercy über Guy Forget mit 7:6, 6:3, 3:6, 6:3. Ich war glücklich, endlich ein Turniersieg mit Barbara, trotz Barbara. Es gab Champagner in der Players’ Lounge, und zum ersten Mal redete ich mit meiner Mutter über Barbara und mich. Ganz behutsam bereitete ich sie auf unsere schwarzen Kinder vor, auf die ich mich freute. Sie warnte mich: „Stell dir mal vor, wie sie in einer deutschen Schule leiden werden!“ Barbara hörte zu und sagte nichts.

Im Frühjahr 1993 reservierte ich einen Tisch in einem unserer Münchner Lieblingsrestaurants, dem gemütlichen „Bogenhauser Hof“, und bat den Pianisten, auf ein Zeichen von mir „Summertime“ zu spielen, die Melodie aus George Gershwins „Porgy and Bess“ – Barbaras Lieblingslied.

Als sie zur Toilette ging, war der Moment gekommen. Ich versteckte einen Diamantring in ihrem Whisky-Soda – ein Heiratsantrag sollte es werden wie anno dazumal. Sie nippte an ihrem Whisky. Wo war nur der Ring? Das Schmuckstück wurde vom Eis verdeckt. Der Pianist verlängerte „Summertime“ um einige Minuten. Das Eisstück schmolz, endlich. Kein Drama durch einen verschluckten Diamanten, sondern Freude und Rührung. Am Tag darauf rief ich meine Eltern an: „Ich habe Neuigkeiten, wir haben uns verlobt.“ Stille am Telefon. War das der Schock oder leise Freude?

Das Turnier in Rom im Mai 1993 war dann eine ganz besondere Angelegenheit. Nicht wegen des Finales, das ich gegen den Russen Andrej Tschesnokow mit 2:6, 6:3, 6:7 verlor, sondern weil Barbara in eine Apotheke ging.

Ich wartete auf sie in unserer Suite im Excelsior. Statt mit weißen, blauen oder gelben Einkaufstaschen aus den feinen Läden an der Via Condotti kam sie mit einem Zettel zurück – dem Ergebnis eines Schwangerschaftstests auf Italienisch.

Weiter als „al dente“ und „domani“ reichten meine Sprachkenntnisse nicht, und Barbara war sich auch nicht sicher, ob sie alles verstanden hatte, aber der Test schien auszusagen, dass sie schwanger sei. Die Gynäkologin in München bestätigte unsere Übersetzung: Es kündigte sich Nachwuchs an.




Ich hätte Barbara am liebsten schon nach drei Monaten geheiratet, nach sechs Monaten wollte ich ein Kind von ihr – ich habe die richtige Entscheidung getroffen. In meiner Beziehung zu Barbara habe ich damals mein Selbst wiederentdeckt. Ich war in meinen letzten Tennisjahren meilenweit vom Weltranglistenplatz eins entfernt, aber wirklich gestört hat mich das damals nicht mehr. Meine Leidenschaft war die Familie geworden, Tennis nur noch eine Nebenbeschäftigung. Die Liebe meiner Söhne bewegt mich heute. Sie wissen nicht, wer ich bin, nichts von Geld, nichts von Ruhm. Als Noah einige Monate alt war und mich sah, fing er an zu lachen, mich zu drücken und zu küssen. Das war ein Urerlebnis – reine Liebe.


Die Liebe zu meinen Kindern hat meinem Dasein wirklichen Wert gegeben. Dass ich am 15. Dezember 2000, also zwei Tage vor unserem siebten Hochzeitstag, beim Münchner Familiengericht die Scheidung einreichen musste, war die größte Niederlage meines Lebens.


Lesen Sie Montag: Die Scheidungsschlacht – Becker gegen Becker

DiNaPic 11-10-2003 07:19 AM

Die große Boris-Becker-Serie, Teil 7

Deshalb trennte ich mich von Barbara

Von BORIS BECKER

Barbara hatte Brote gemacht. Ich saß am Kopfende des Esstisches, ein kleines Weißbier vor mir, sie links neben mir an der Seite, ein Glas Champagner in Griffweite. Sie liebt Champagner. Es war kurz nach zweiundzwanzig Uhr an diesem Samstag im November 2000.
„Barbara, es geht nicht mehr, wir müssen uns trennen!“ Sie war ganz ruhig. Sie hat nicht geschrien, nicht geweint, sie war nicht überrascht. Sie hat in diesem Moment nicht einmal nach dem Warum gefragt. Wie zwei erwachsene Menschen begannen wir, sachlich über die Trennung zu reden.
Das Ende meiner Tenniskarriere war auch der Anfang vom Ende meiner Ehe – so klar kann ich das heute sagen. 1997 hatte ich eigentlich schon aufgehört und mich im Wimbledon-Finale gegen Pete Sampras vom großen Wettkampftennis verabschiedet.


Boris Becker (35) bezeichnet die Scheidung von Babs als „größte Niederlage meines Lebens“



Zwei Jahre habe ich dann noch „abtrainiert“, hier und da herumgespielt, um mich physisch und psychisch von der Welt des Profi-Tennis zu lösen.
Was wir dabei vergaßen: Auch Barbara hätte ein Entwöhnungsprogramm durchlaufen müssen, denn als ich 1999 in Wimbledon das Kapitel Tennis endgültig abschloss, fragte sie mit großen Augen: „Schön und gut, aber was mach ich jetzt?“
Barbara hatte ihren festen Platz, ihre klar definierte Aufgabe im Tennissystem Becker. Sie repräsentierte uns nach außen, sie hielt den Laden zusammen und mir den Rücken frei. Und auf einmal hatte ich ihr den Lebensinhalt genommen.
Die Folge waren endlose Streitigkeiten. Unsere Gegensätze, die anfangs den Reiz unserer Partnerschaft ausgemacht hatten, wurden nun plötzlich unerträglich, so zum Beispiel ihre Unpünktlichkeit. „Ich weiß nicht, wie ich das jahrelang geschafft habe. Wenn es heißt, wir gehen um zehn, dann bist du nie vor elf fertig.“ Heute lachen wir darüber, aber damals war ich irgendwann an einem Punkt angekommen, an dem das Maß voll war.
Dazu kamen die vielen Menschen im Haus. Immer war die Bude voll. Da war die Familie aus Thailand: Mutter, Tochter und Schwester – Köchin, Nanny und Vertretung der Nanny. Und all die Bodyguards.
Beruflich habe ich ständig mit vielen Menschen zu tun, da wollte ich zu Hause einfach Ruhe haben, wollte mal nackt durchs Haus laufen oder mit meiner schönen Frau Sex auf dem Sofa haben, die Seele baumeln lassen und einfach nur alle viere von mir strecken. Stattdessen musste ich sogar zu Hause noch repräsentieren, eine Rolle spielen.
Wir stritten nur noch. Uns war die Zweisamkeit verloren gegangen.
Nach außen waren wir das perfekte Paar, die Lieblinge des Boulevards. Barbara im roséfarbenen Seidenkleid und Boris im Smoking neben Produzent Arthur Cohn beim Oscar in Los Angeles. Boris und Elton John beim Tennis-Match im Beverly Hills Hotel. Barbara als heimliche „First Lady“ Deutschlands, die beim Staatsempfang auf Schloss Bellevue den französischen Staatspräsidenten Jacques Chirac genauso bezirzt wie den deutschen Bundespräsidenten Johannes Rau. Wir suchten beide zuletzt immer mehr das Licht der Öffentlichkeit, weil wir den Schatten
unseres Privatlebens entfliehen wollten.
„Aus wegen ihr?“, fragte BILD. Und zwölf Millionen Leser glaubten, dass Sabrina Setlur, der deutsche Rap-Star aus Rödelheim, der Grund sei. Später waren Sabrina und ich tatsächlich für eine Weile ein Paar. Zu diesem Zeitpunkt aber war Sabrina nur eine gute Freundin, sowohl von Barbara als auch von mir.
Selbst Barbaras Drohung, mit den Kindern in die USA zu gehen, hatte mich nicht von der Entscheidung abgebracht, sie vorläufig zu verlassen. Sie war verdutzt, erstaunt, verunsichert. Auf einmal flehte sie: „Geh doch nicht weg. Wir schaffen das, wir versuchen es!“ Ich aber wollte nicht mehr zurück.

„Nein, Barbara, das ist jetzt meine Entscheidung. Wir brauchen die Pause dringend.“ Da schaltete sie schnell um von der verzweifelten Ehefrau auf die klar und kühl Handelnde: „O.k., dann gehe ich nach Miami.“


Barbara Becker (37) war zehn Jahre lang die Frau an Boris’ Seite. Zum Schluss „stritten wir nur noch“, schreibt er

Eine Woche war Barbara nun schon mit den Kindern weg. Wir telefonierten, wir stritten übers Handy weiter. Die Kinder waren plötzlich für mich nicht mehr zu sprechen. „Sie wollen nicht mit dir sprechen“, sagte sie. Aber Elias konnte noch gar nicht reden, und Noah und ich sind seit sechs Jahren ein Herz und eine Seele. Der sagt so etwas nicht. So langsam machte ich mir Sorgen.

Am Sonntagmorgen, neun Tage, nachdem Barbara gegangen war, machte ich mich auf nach Miami.
Die Wohnung war leer, wie ausgestorben. Keine Barbara, kein Elias, kein Noah.
Wo, um alles in der Welt, sind die, verdammt noch mal?“ Niemand wusste etwas – oder wollte mir niemand etwas sagen? Die Stunden vergingen, gegen Abend zog ein Gewitter auf. Ich rief alle möglichen Menschen in Miami an, und bei Tariq, einem arabischen Freund von mir, wurde ich schließlich fündig. „Ja, Barbara und die Kinder sind bei mir“, sagte er. „Gib mir Barbara“, forderte ich.

Endlich war Barbara am Telefon. „Ich komme in einer Stunde.“ Warten, wieder warten. Ich fuhr zum Mittagessen in mein Stammlokal, das „Sports Café“ in South Beach. „Komm bitte da hin, wenn du fertig bist“, bat ich Barbara. Kaum hatte ich das Handy ausgemacht, merkte ich, dass mir ein Auto folgte. Ich rieche das nach all den Jahren im Visier der Paparazzi zehn Meilen gegen den Wind. „Oh, shit! Was passiert jetzt?“
Ich stieg aus, der Mann stieg aus. Er war etwas kleiner als ich. Mit dem wurde ich notfalls noch fertig. Er fragte mich, ob ich Boris Becker sei. Ich bejahte, und er händigte mir ein zwölfseitiges Dokument aus. Ich las nur: „Case No. 00-30252 IN RE: The marriage of Barbara Becker, wife, and Boris Becker, husband ...“. Mir wurde ganz übel. „Können Sie mir bitte sagen, was das soll?“, fragte ich hilflos, „was sind das für Papiere?“ – „Das ist der erste Schritt für die Scheidung auf amerikanischem Boden“, sagte er und ging zu seinem Auto zurück.
Barbara und ihre Anwälte, in erster Linie ein gewisser Samuel Burstyn, über den der „Stern“ schrieb, er sei „ein in Miami bekannter Krawall-Jurist“, wollten mich bis auf die Knochen bloßstellen.

Alle Kontoauszüge sollte ich vorlegen, Versicherungspolicen, Aufzeichnungen aller Rentenzahlungen und Gewinnbeteiligungspläne, Auszüge aller Kreditkartenbelastungen, alle Aktien-urkunden, Anleihen, Mietnachweise, Inventar-verzeichnisse und Bewertungen oder Beschreibungen persönlichen Eigentums, die Einkommenssteuerbescheide der letzten drei Jahre, meine Tagebücher (!) der letzten drei Jahre, Videobänder oder Tonbänder, die aus irgendwelchen Untersuchungen stammten, und sogar meinen aktuellen Vielflieger-Meilen-Stand bei allen Fluggesellschaften, mit denen ich in den letzten Jahren gereist war. Alles vorzulegen innerhalb von fünfundvierzig Tagen.
Ein Wahnsinn: Boris gläsern, nackt in der Öffentlichkeit, denn in den USA sind fast alle Gerichtsakten und -vorgänge öffentlich.
Die Scheidungsschlacht hatte begonnen.


Lesen Sie morgen: Das Match, mit dem ich zum Helden wurde

DiNaPic 11-11-2003 07:33 AM

Die große Boris-Becker-Serie, Teil 8

Das Match, das mich zum Helden machte

Von BORIS BECKER

Am Vorabend des Finales essen wir im „Ponte Vecchio“, einem italienischen Restaurant an der Old Brompton Road, ein paar hundert Meter vom Spielerhotel, dem Gloucester, entfernt. Wie immer das gleiche Ritual: Tiriac bestellt, was ich bestelle. Wenn ich nichts will, verzichtet Bosch ebenfalls. Spaghetti für mich, Spaghetti für alle. „Wenn man uns nicht kennen würde“, meint Ion, „könnte man uns für Schwule halten.“

Ich war nicht nervös, sondern hochgestimmt: Endspiel, Centre Court, und ich erstmals als Hauptdarsteller auf einer Weltbühne.
Ich hatte eine ruhige Nacht, nur geträumt habe ich – vom Finale. Wie bei einer Sportübertragung im Fernsehen liefen die Bilder vor mir ab, einschließlich der Siegerehrung. Ich hielt den Pokal – und dann? Der Wecker geht. Halb zehn, die Wirklichkeit.

Hurra, gewonnen! Boris Becker jubelt nach seinem ersten Wimbledon-Sieg

Im Umkleideraum sitzt mein Gegner Kevin Curren bereits auf einer der Bänke: „Hi.“ Kein weiteres Wort. Weder zu ihm noch später zu einem anderen meiner Finalgegner.
Ivan Lendl war unerträglich, er redete und quasselte sich die Nervosität aus dem Leib und erzählte Witze, über die nur er lachen konnte. John McEnroe schlug die Unruhe wohl auf die Blase, er marschierte vor den Spielen unentwegt aufs Klo.
Ich habe Scheuklappen auf, wie man so sagt, sitze da wie ein Zombie. Das ist meine Art, mit dem Druck fertig zu werden, mich zu konzentrieren. Alles andere interessiert mich nicht. Ich muss mich in diesen Zustand bringen, mich total abkapseln.
Ich bin dann wie in einem Tunnel und habe auch diesen Tunnelblick. Eine Ausnahme habe ich mit Michael Stich gemacht, meinem Landsmann.
Das Ergebnis kennen wir: Ich habe geredet, er hat gesiegt.
Wieder ein Blick auf die Uhr. Ein paar Schmetterlinge machen sich bemerkbar, tief im Bauch. Ich knabbere an einem Sandwich. Das Kribbeln nimmt zu. Gott sei Dank habe ich bisher nicht viel Zeit zum Nachdenken gehabt!
Der „Locker-room“-Steward, ein untersetzter Mann in weißem Kittel, nimmt meine Tasche, die fast größer ist als er. Sieben Puma-Schläger sind drin, in Plastikhüllen verpackt, Bespannungsdruck 29–27, 30–28, Schweißbänder, Hemden, aber keine Bananen. Die kommen erst bei späteren Turnieren dazu. Auch kein Talisman.
Ich bin nicht abergläubisch, hatte aber meine festen Rituale, an die ich glaubte, denen ich vertraute.
Was wurde alles hineininterpretiert in meine offenen Schnürsenkel, wenn ich den Platz betrat! Becker demonstriert Gelassenheit. Becker hat bei seinem ersten Match überhaupt vergessen, die Schuhe zuzubinden. Seitdem ist er abergläubisch. Dabei war dieses simple Ritual für mich Mittel zum Zweck.
Ich musste immer zuerst ein geistiges und körperliches Gefühl für den Platz, das Stadion, die Zuschauer aufbauen, mich mit der Atmosphäre in Übereinstimmung bringen, den Raum atmen. Da bin ich eben mit offenen Schuhen auf den Platz gegangen, damit ich beim Binden auf der Bank ein paar Sekunden Zeit hatte, das Drumherum aufzunehmen.
Wir warten unterhalb der königlichen Ehrenloge auf das Einsatzzeichen.
Der Steward informiert uns: Die Royals sind anwesend, bitte nach dem Betreten des Platzes die Verbeugung nicht vergessen! Die ersten Schritte auf dem Centre Court sind beinahe spielentscheidend. Damals bin ich instinktiv selbstbewusst aufgetreten, geradezu unerschrocken. Später hat mir mein Verstand immer gesagt: Du musst als Erster auf den Centre Court, erhobener Kopf, Brust raus.
Angst spüre ich keine. Ich fühle mich eher wie ein Rennpferd in der Startmaschine. Ich bin so sehr bei dem Spiel, das noch lange nicht begonnen hat, dass ich gar nicht mehr nach hinten oder vorne schaue.

Die Zuschauer verschwinden jetzt aus meinem Bewusstsein, obwohl ich die Atmosphäre noch spüre. Die Namen der Finalisten werden genannt.
Für wen klatscht das Publikum mehr? Das ist ein Barometer, ganz wichtig, vor allem für mein Selbstbewusstsein – wie der erste Beifall für den Theaterschauspieler. Die ersten Worte des Darstellers sind bei uns die ersten Aufschläge. Schiedsrichter David Howie notiert in klarer Schrift auf dem „scoring sheet“: „Warm up: 2.04. Play: 2.09.“
Die Sonne scheint auf den Centre Court, auf den nach den Plänen der Architekten im Sommer bis neunzehn Uhr abends kein Schatten fallen darf.
Das Thermometer in London steigt an diesem Tag auf achtundzwanzig Grad. Ich berühre die Linie mit meinem Schläger – auch eines meiner Rituale.
Kevin Curren, der Mann auf der anderen Seite, ist siebenundzwanzig Jahre alt und gebürtiger Südafrikaner. Er hat John McEnroe und Jimmy Connors aus dem Turnier geworfen, die Nummern eins und drei der gesetzten Liste. Curren scheint mir nervöser als ich. Meine Aufschläge kommen toll, meine Leute auf der Tribüne nicken zufrieden. Nach fünfunddreißig Minuten steht es 6:3 für mich. Es ist einer von möglichen fünf Sätzen – die erste Etappe zum Mount Everest von Wimbledon. Im Tiebreak des zweiten Satzes führe ich bereits 4:2, doch Curren siegt mit 7:4. Ein kleiner Nackenschlag.
Plötzlich werde ich unsicher. Die Hitze setzt mir zu. Nur jetzt nicht nachdenken über den verlorenen Satz! Curren wird stärker. Ich bringe meine Aufschlagspiele nur noch schwer durch, er bekommt Oberwasser. Ich werde wütend, beginne zu schreien und mit dem Schläger zu schmeißen – genau das, was ich keinesfalls tun sollte.
Ich rede mit mir selbst. Ich beleidige mich: „Warum lässt du das zu, Dummkopf, Schwächling, Vollidiot!“, um nur ein paar Kraftausdrücke zu nennen. Aber es hilft. Die Wut auf mich selbst setzt neue Energien frei. Das beleidigte Ich reagiert.
7:6 im dritten Satz für mich. Erstmals werde ich sicherer, der Gipfel kommt in Sicht. In der Königsloge sitzen ein Feldmarschall und Juan Antonio Samaranch, der Chef des Internationalen Olympischen Komitees.
Prinzen, Grafen und andere Hoheiten klatschen in die Hände, sobald der Herzog und die Herzogin von Kent in der ersten Reihe Begeisterung erkennen lassen. In der fünften Reihe hat das Protokoll Fred Perry platziert; er hat Wimbledon erstmals im Jahr 1934 gewonnen und im Finale 1936 Gottfried von Cramm besiegt, in einem der kürzesten Finale der Geschichte – vierzig Minuten. Ich sehe weder Perry noch Prinzen, ich stehe im letzten Satz und kurz vor dem Sieg. Matchball Becker.
Die 13 118 Zuschauer verbinden sich in einem kollektiven Aufschrei. Der erste Matchball ist vergeben. Mein Vater lässt seinen kleinen Photoapparat sinken. Meine Mutter schließt die Augen, wie später daheim vor dem Fernseher bei manchen meiner Spiele. Ich höre nichts mehr, zumindest nehme ich keine Stimmen wahr. Auch nicht die Rufe von denen, die von oben herunter „Boris“ schreien.
Aufschlag. Zehntausend Mal geübt. Er sitzt. Ein Schlag, der meine Welt verändern wird.
Ich wusste: Die Wimbledon-Sieger werden am Abend beim Champions-Dinner zum Ehrentanz antreten, und natürlich würde es Walzer geben. Martina Navratilova und Boris Becker: „Darf ich bitten, Frau Kollegin?“ Lieber Himmel! Ich würde Martina auf die Lackschuhe treten und so ihre Abneigung gegen Männer noch verstärken. Meine vorausschauende Mutter hatte gemeinsam mit Ion am Tag vor dem Finale vorgesorgt und mir flugs ein paar Walzerschritte beigebracht. Ion lieh für mich einen Smoking aus.
Vor dem Champions-Dinner jedenfalls hatte ich mehr Bammel als vor dem Finale. Dann kam die Erlösung: Es würde keinen Walzer mit Martina geben, diese Ehrenrunde war vor Jahren abgeschafft worden. Im Gloucester Hotel habe ich mir dann den Fernseher vorgenommen. Auf allen Kanälen die Meldung: Becker, Becker, das deutsche Wunderkind. Ich musste erst mal begreifen, dass die mich meinten.
Am Morgen danach übernahm Tiriac das Kommando. „Hinter jeden Werbevertrag“, frohlockte er, „können wir jetzt eine Null hängen.
Das Vermarkten begann, und ich ahnte noch nicht, auf welchen Pfad ich da geraten sollte.

Lesen Sie morgen: Boris Becker erklärt, warum seine Kinder das Wichtigste in seinem Leben sind

DiNaPic 11-12-2003 07:52 AM

Die große Boris-Becker-Serie, Teil 9

Wie mir meine Söhne aus der Krise halfen

Von BORIS BECKER

Elias hat sich an meinen rechten Arm gekuschelt. Sein blonder Wuschelkopf liegt an meiner Schulter, die großen blauen Augen sind hellwach. Die schwere weiße Kinderbibel fällt mir fast aus der Hand. „Papa, weiterlesen“, fordert Elias.

Noah legt sich an meine linke Seite, den Kopf ganz dicht an meinem. Seine braunen Locken kitzeln mein Ohr. „...das Heer der Ägypter ist verunsichert, der Pharao gibt trotzdem den Befehl zum Angriff. Doch als die Ägypter in der Mitte des Meeres angekommen sind, hört der Sturm auf und die Wassermassen verschlingen die Verfolger...“
Es ist mucksmäuschenstill im Raum. Ich kann mich keinen Millimeter bewegen, so belagert bin ich. Aus den Augenwinkeln sehe ich: Elias und Noah schlafen.
Plötzlich laufen mir ein paar Tränen über das Gesicht, aus dem Nichts. Ich kann diesen Ausbruch nicht kontrollieren. Erst spüre ich Trauer und Freude zugleich, könnte laut lachen, aber auch laut heulen. Dann durchströmt mich ein Glücksgefühl. Was ist das? Was ist los mit mir?
Es müssen Stunden vergangen sein, aber draußen ist es noch dunkel. Über der Kinderbibel waren wir alle eingeschlafen.
Jetzt liegen sie ruhig und zufrieden in meinen Armen, meine beiden Löwen. Mein ganzes Glück.
Noah hat die Züge von Barbara, auch die Feingliedrigkeit. Er hat ihre Hautfarbe, ihr Temperament, aber meinen Blick. Natürlich war er das absolute Wunschkind. Der Traum eines jeden jungen Vaters: das erste Kind, ein Sohn!


Boris Becker und sein „Löwe“ Noah (9): „Er ist feingliedrig wie Barbara, hat meinen Blick“, schwärmt der Vater von seinem Sohn


Ich war bei der Geburt von beiden dabei. Elias habe ich sogar mit auf die Welt gebracht. Barbara hatte nicht mehr genug Kraft, deshalb bat mich der Arzt mitzuhelfen.
Elias habe ich regelrecht auf diese Welt gezogen. Er ist mir genauso lieb wie Noah, aber die beiden sind grundverschieden, schon äußerlich. Elias ist hellhäutig, hat blonde Locken und blaue Augen, kommt also eher nach dem Papa.
Zwar ist er erst vier, Noah ist fünf Jahre älter, aber Elias steht schon jetzt mitten in seinem kleinen Leben. Er ist der Fels in der Brandung, hat einen ganz eigenen Kopf, vielleicht weil wir selbstverständlicher mit ihm umgegangen sind. Beim zweiten Kind stellt sich eine gewisse Routine ein, da bricht nicht gleich Panik aus, wenn ein neuer Zahn kommt. Außerdem hat Elias den Großteil seines Lebens in Miami verbracht, abseits vom Lärm der Öffentlichkeit und den Scheinwerfern der Medien-Welt. Er hatte von Anfang an mehr Erde, mehr Bodenhaftung.
Noah ist mitten ins Glamour-Leben eines Tennis-Stars geboren worden: Jede Woche eine andere Hotelsuite, Kindermädchen, Bodyguards, Limousine und Lear-Jet. Er ist mit goldenen Löffeln groß geworden. Auf der einen Seite ungeheuer liebevoll behütet, auf der anderen Seite extrem verhätschelt. Trotzdem ist er heute sehr ehrgeizig – in der Schule, im Sport, im Leben. Er will alles wissen, will alles besser machen. Er möchte etwas beweisen, sich, mir und den anderen. Wenn wir zusammen Fußball oder Tennis spielen, rastet er aus, wenn es nicht so läuft, wie er will. Er verliert dann völlig die Kontrolle. Ich war als Kind genauso: Ich habe ins Netz gebissen, den Schläger zerhackt. Verlieren war unmöglich.

Elias ist da emotionsloser. Er macht sein Ding, ist viel ruhiger, klarer und einfacher. Was er nicht will, das will er nicht. Für die Jungs war der Umzug nach Miami ein Glücksfall: Vor allem Noah musste lernen, seine eigenen Probleme zu lösen – in der Schule, mit den Kumpels, aber auch mit uns, seinen Eltern.
Es gibt kaum mehr bezahlte Helfer. Kein Hoteldiener trägt heute das Spielzeug hinterher, kein Lehrer übt Nachsicht, weil der Vater ein Tennis-Turnier gewonnen hat. Aber Noah beißt sich durch. Er hat sich in Miami gehäutet, er hat seine Scheu abgelegt. Vor ein paar Jahren, als er merkte, dass es bei uns kriselte, hat er intuitiv die Rolle des Schlichters übernommen. Er hat mir gegenüber Barbara gelobt: „Das hat die Mama aber gut gemacht“, und Barbara versichert: „Der Papa liebt dich.“ Er spürte, dass wir auseinander drifteten, hat versucht, um unsere Beziehung zu kämpfen. Heute ist er eher ein Schlitzohr: Er schaut auf sich, weiß seinen Charme einzusetzen. Wir können uns Wochen nicht gesehen oder wenig gesprochen haben, trotzdem sind wir zutiefst vertraut miteinander. Wir haben das gleiche Gefühl für Dinge, Momente und Menschen.

Trotz der Scheidung haben es Barbara und ich geschafft, als Familie weiterzuleben. Hierfür bin ich Barbara sehr dankbar. Sie macht einen großartigen Job als Mutter, ich versuche mein Bestes als Vater. Unsere Kinder haben schon sehr früh eine große Dosis Leben mitbekommen. Sie werden nicht erst mit achtzehn feststellen, wie brutal es da draußen sein kann, aber sie haben ein Elternhaus, das ihnen viel Liebe, viel Freiheit und alle Chancen bietet. Auch wenn Barbara und ich nicht mehr als Mann und Frau zusammenleben, so verstehen wir uns doch als Vater und Mutter.
Ein Wunder, dass alles so gekommen ist?
Sicher, ich war jahrelang verwirrt, auf dem falschen Weg, bin falschen Zielen hinterhergelaufen. Plötzlich wurden Ruhm und Reichtum zur Priorität meines Lebens, ich war fremdbestimmt und auf dem besten Weg, mich zu verlieren. Auch deshalb habe ich die Trennung provoziert, die schöne Scheinwelt zerschlagen.
Ich habe einen exzessiven Drang, an Grenzen zu gehen. Auf der Suche nach dem Weg zurück zu mir selbst habe ich einige Grenzen überschritten: Ich wollte wieder Leben in mir spüren. Und Leben heißt für mich, Schmerzen zu ertragen und Freude zu spüren. Nur dann fühle ich mich wahrhaftig.
Die letzten zweieinhalb Jahre waren sicherlich die schwerste Zeit meines Lebens, doch sie haben mich geheilt. Der Kampf um mein Leben und meine Seele hat mich endlich wieder zu einem Punkt gebracht, an dem ich den Mut habe, ehrlich zu mir zu sein. Schluss mit dem Selbstbetrug, Schluss mit der Heuchelei.
Ich habe viele Fehler gemacht und gehofft, dass es gut geht. Ich habe gehofft, dass der Staat meine sportlichen Erfolge und gesellschaftlichen Engagements als Dienst für Deutschland anerkennt und mich deshalb nicht als Steuersünder anklagt. Ich habe gehofft, dass die Trennung von meiner Frau unsere Ehe rettet und nicht zerstört. Und ich habe gehofft, dass ein unbedachter Seitensprung in einer extremen Lebenssituation keine Konsequenzen nach sich zieht. Die Realität aber ließ keinen Raum für solche Hoffnungen.

Diese Erfahrungen haben mir das letzte Stückchen Naivität genommen. An meiner Liebe zu Deutschland, zu diesem Land und zu den Menschen, hat sich nichts geändert, aber die Art und Weise, wie Institutionen und die Gesellschaft mich vor allem hier behandelt haben, hat meinen Glauben an das Gute im Menschen erschüttert.
Ich bin fest davon überzeugt, dass man allein geboren wird und auch alleine stirbt. Ich habe meine Familie, echte Freunde, gute Partner und Helfer, aber am Ende war ich vor Gericht genauso allein wie einst auf dem Centre Court. Das musste ich einfach wieder begreifen lernen.
Deshalb ist es keinesfalls paradox, wenn ich sage: Die Schläge und Schmerzen der letzten Jahre haben mir gut getan. Sie haben in mir den längst verschütteten Instinkt wieder geweckt, der mich einst zum besten Tennisspieler der Welt gemacht hat: den Killerinstinkt. Keine Angst, ich werde niemanden umbringen, aber ich werde wieder mit allen Mitteln auf Sieg spielen. Denn ich habe wieder angefangen, um mein Glück zu kämpfen.

Ende


Augenblick, verweile doch...“, Verlag C. Bertelsmann, 320 Seiten, 21,90 Euro, ist ebenso wie das Hörbuch ab 10. November im Buchhandel

jtipson 11-12-2003 10:58 AM

Re: Boris Becker's Biography
 
Thanks for posting these excerpts DiNaPic. Boris used to be my fav player and I've read them with some interest. Can't wait until the English version is out next summer :-)

DiNaPic 11-13-2003 01:55 PM



Tänzerin Caroline schwärmt vom ersten Jahr
ihrer großen Liebe (und verrät uns ein Geheimnis)
Boris schenkte mir eine Massage


Seit einem Jahr ist sie die große Liebe von Boris Becker (35). Doch noch nie hat Tänzerin Caroline Rocher (26) über ihre Beziehung zum Tennishelden gesprochen. In der Talkshow von Johannes B. Kerner brach sie gestern ihr Schweigen. „Boris hat vieles, was andere Männer nicht haben. Er versucht ständig, mir eine Freude zu machen.“

So verliebt schwärmt Caroline Rocher (26) von ihrem Boris. Vor einem Jahr eroberte die schöne Französin das Herz unseres Tennis-Helden. Zum ersten Mal sprach die Tänzerin gestern in der ZDF-Talkshow von Johannes B. Kerner über ihre Liebe.

Caroline, die aus ihrer Wahlheimat New York für die Sendung zugeschaltet wurde, erzählte, wie es zwischen ihr und Boris funkte. „Das war in New York im Dezember 2002. Ich war nach einem Auftritt noch mit Freunden in einem Club. Am Nachbartisch saß Boris. Ich habe ihn natürlich gleich erkannt. Irgendwann haben wir dann getanzt. Aber mehr war da noch nicht. Denn ich war sehr müde und musste am nächsten Tag wieder arbeiten.“

Was fasziniert sie an Boris, was liebt sie an diesem Mann?
Caroline Rocher: „Er respektiert meine Arbeit. Er gibt mir den Freiraum, meine Karriere als Tänzerin zu betreiben. Wir haben viele Gemeinsamkeiten.“

Wie verwöhnt Boris seine Caroline, wie zeigt er ihr seine Liebe?
„Im Juli hatte ich eine Premiere im Lincolncenter in New York“, erzählt Caroline mit leuchtenden Augen. „Boris kam, wir sind in mein Lieblingsrestaurant gegangen. Anschließend hat er mich mit einer Massage überrascht – er hat arrangiert, dass sein Physiotherapeut mich massiert, weil ich am nächsten Tag wieder tanzen musste.“

Wie oft sehen sich die beiden?
„Wir waren den ganzen Sommer zusammen. Weil ich gern reise, steige ich jetzt oft spontan ins Flugzeug, um ihn für zwei Tage zu sehen.“

Hat sie seine Kinder schon kennen gelernt?
„Ich habe Noah schon getroffen. Boris ist ein sehr liebevoller Vater, hat sehr viel Verantwortungsbewusstsein.“

Wie kommt sie mit dem „öffentlichen Leben“ an Boris‘ Seite klar?
„Mein Leben spielt sich hauptsächlich in Amerika ab. Ich bekomme gar nicht mit, wie in Deutschland über uns berichtet wird.“

Zieht sie zu Boris nach Zug in die Schweiz?
Caroline kokett: „Warum nicht? Wer weiß, was die Zukunft bringt. Ich bin Französin. Vielleicht komme ich irgendwann zurück nach Europa.“

Und was ist mit Hochzeit?
Caroline lacht: „Hochzeit? Nicht, dass ich wüsste.“


Mrs. B 11-14-2003 01:32 PM

Re: Boris Becker's Biography
 
thanks for posting these, DiNaPic. interesting reading...

:)


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